Wilhelm von Ockham (* ~1285 in Ockham, Surrey, † 1347/49 in München; auch William Occam, genannt doctor invincibilis, der Unbesiegbare), franziskan. Philosoph, Theologe und polit. Schriftsteller, der als Begründer einer Form des Nominalismus gilt. Er geriet in Avignon mit Papst Johann XXII. in Streit über Armut innerhalb der Kirche, stellte sich unter den Schutz Kaiser Ludwigs IV. (Bayern, 1283-1347), und wurde – wie dieser – exkommuniziert.
Wilhelm von Ockham trat anscheinend sehr früh in den Franziskanerorden ein, wo sein Interesse an Logik geweckt wurde. In Oxford studierte er Theologie und hielt Vorlesungen. Doch riefen seine eigenwilligen Kommentare (betitelt Ordinatio) zu Petrus Lombardus den Widerspruch mancher Kollegen hervor, so dass er Oxford ohne offiziellen Abschluss verlassen musste. Er setzte seine akademische Laufbahn als – wie man später gesagt hätte – Privatgelehrter fort, studierte Naturphilosophie und nahm an Debatten teil. Für sein Denken war kennzeichnend, dass er sowohl Rationalist als auch überzeugter Gläubiger war. Einerseits setzte er großes Vertrauen in die menschl. Natur und seinen Intellekt; andererseits bezweifelte er keineswegs Gottes Allmacht, die die Erlösung des Menschen durch Gnade sichert. Im Herbst 1324 folgte er der Aufforderung des Papstes Johannes XXII. und reiste nach Avignon – er sollte seine Heimat nicht wiedersehen.
Dort traf er den früheren Kanzler der Oxforder Universität, John Lutterell, wieder; dieser beschuldigte ihn schwerwiegender Irrtümer in seinem Lombarduskommentar. William hielt dagegen, indem er dem Papst eine Abschrift der Ordinatio vorlegte, in der er verschiedene Änderungen vorgenommen hatte. Eine Verurteilung stand im Raum, erfolgte jedoch nicht. In Avignon lernte er Bonagratia von Bergamo kennen, der von Johann XXII. wegen seiner Ansichten zum franziskanischen Armutsideal zitiert worden war; 1327 traf auch der franziskanische Ordensgeneral Michael von Cesena ein. Alle drei wohnten im selben Konvent, faktisch unter Hausarrest. Auch Michael vertrat – sehr zum Missfallen des Papstes mit seinen recht weltlichen Interessen – den Standpunkt, da Jesus und die Apostel alle Eigentumsrechte aufgegeben hätten, dürften und sollten die Franziskaner ihnen darin auch folgen. Als die Situation sich zuspitzte, flohen die drei Opponenten Ende Mai 1328 aus Avignon. In Pisa stellten sie sich unter den Schutz von Kaiser Ludwig IV.; der war bereits vier Jahre vorher exkommuniziert und mit dem Bann belegt worden. Zwei Jahre später folgten sie dem Herrscher nach München, von wo aus sie mit Pamphleten heftig gegen den Papst agitierten. Mit Appellationen vertraten sie die Sache der Franziskaner und die des Kaisers. Nach seiner Flucht war William exkommuniziert worden; nach dem Tod Johannes’ XXII. 1334 behielt er seine kritische Haltung auch in der Regierungszeit Benedikts XII. bei. Mit dessen Nachfolger Clemens VI. verhandelte er über die Bedingungen seiner Unterwerfung und Wiederaufnahme als Mitglied der Kirche – vergebens. Der Fehlschlag mag auch daran gelegen haben, dass er den Kaiser unverbrüchlich bis zu dessen Tod (1347) verteidigte. Es ist nicht sicher, ob er während der Pestepidemie 1349 oder aber bereits zwei Jahre früher verstorben ist.
Wilhelm von Ockham gilt als bedeutendster Vertreter des Nominalismus und entwickelte den Formalismus der Logik konsequent weiter. Er trat für eine klare Trennung von Glauben und Wissen, d. h. von Theologie und Philosophie, ein, und legte überzeugend dar, dass die Wahrheit der Offenbarung nicht mittels Vernunft beweisbar sein kann. Damit standen seine Lehren teilweise in scharfem Gegensatz zu den Schussfolgerungen des Dominikaners Thomas von Aquin, obwohl beide von der aristotelischen Philosophie ausgegangen waren. William behauptete auch, über den Naturgesetzen stehe die Notwendigkeit, die aus göttlicher Allmacht stamme. Doch sei auch Gott dem Satz vom Widerspruch unterworfen – die Logik steht somit noch über der Allmacht Gottes. Berühmt ist das Postulat, das man (erst seit dem 19. Jh.) Ockhams Rasiermesser nennt: eine These solle möglichst wenige Voraussetzungen (Axiome) benötigen; anders ausgedrückt: eine einfache Erklärung ist besser als eine komplizierte.
Auf Anweisung seines Ordensgenerals hatte William 1328 drei päpstl. Bullen zum Thema Armut analysiert, und kam zu dem Schluss, sie enthielten so viele Irrtümer, dass Johannes XXII. als Häretiker – und damit als falscher Papst – anzusehen sei. Ausgehend von jenem Kernthema jener Zeit arbeitete er an einer Theorie der christl. Armut. Christus ist Gott und daher König des Universums, sei uns aber als Bedürftiger erschienen. Sein Bestreben sei die Weltherrschaft lediglich durch den in ihn gesetzten Glauben; diese Herrschaft stelle sich dar in seiner Kirche, die eine Gemeinschaft der Gläubigen ist. Jedoch sei sie nicht unfehlbar – weder in Gestalt des Papstes noch in der eines Konzils. Und die Macht des Papstes finde ihre Grenzen in der Freiheit des Christenmenschen, die von Evangelium und Naturrecht gesetzt werde. Da der Kaiser seine Macht aus letzterem herleite, benötige er keine Autorisation durch den Papst. Es sei auch legitim und in Einklang mit der Offenbarung, wenn man sich mit dem Heiligen Römischen Reich gegen das Papsttum wende; dies ist eine Ansicht, die bereits wenige Jahre vorher Dante deutlich ausgesprochen hatte. Zwischen 1330 und 1338 verfasste er – teilweise zusammen mit seinen papstkritischen Kollegen – rd. 15 kirchenpolitische Schriften. Sie lassen den Verfall der Glaubwürdigkeit der kirchlichen Autorität im 14. Jh. (parallel zu dem der weltlichen Autoritäten) deutlich erkennen.
Weblink
Eintrag zu William of Ockham in der SEP (engl.)




