Geschichte
Die erste Implementierung eines W.-Systems erfolgte 1995 durch Ward Cunningham. Cunningham hatte bereits einige Jahre vorher eine dynamische Anwendung für Hypercards entwickelt, ein für Apple-Computer verfügbares frühes Hypertext-System. Diese Anwendung nutzte Cunningham zur Unterstützung bei der Definition von Klassen im Rahmen der objektorientieren Softwareentwicklung (OOS). Ab etwa 1992 diskutierten die Theoretiker des OOS das Denken in Design Patterns, Cunningham war in diesem Umfeld stark aktiv. Das aufkommende World Wide Web (WWW) bot ihm eine Möglichkeit, einen Katalog von Patterns anzulegen und diese als Hypertext zu verknüpfen, das sog. Portlands Pattern Repository. Kollegen sollten ihre Patterns als einfache Textdateien einreichen, die von Cunningham in HTML umgewandelt wurden. 1994 entwickelte Cunningham ein Programmskript, das aus diesen Textdateien, die in einer einfachen Markup-Syntax ausgezeichnet werden sollten, HTML automatisch generierte. 1995 flossen die Erfahrungen aus der Hypercard-Anwendung in Form einer durch das WWW bedienbarer Eingabemaske für die Texte ein, damit war das erste W.-System verfügbar. Verknüpfungen zwischen einzelnen Texten des W. wurden automat. generiert, sobald die Software auf Worte in sog. Camel Case-Schreibweise traf - ein Relikt aus der Hypercard-Anwendung, bei der einzelne Karten einzelnen Klassen entsprachen, für die in der OOS i. d. R. die Camel-Case-Schreibweise verwendet wird.
W. fanden neben dem Portland Pattern Repository zunächst nur wenig Anwendung. Einige weitere W.-Managementsysteme wurden ab 1996 entwickelt, die sich nur unwesentl. von Cunninghams Implementierung unterschieden. Gelegentl. erfolgte ein erster Einsatz auch in Unternehmen. Im Jahr 2000 entstand mit dem MeatBall-Wiki ein W. im Internet, das sich auf einer Meta-Ebene mit dem Verhalten von virtuellen Gemeinschaften auch in W. auseinandersetzte.
Als Killeranwendung für die Technologie erwies sich jedoch die im Januar 2001 gestartete freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. Deren Gemeinschaft verzichtete bald nach Projektstart auf die bis dahin meist übl. Camel-Case-Schreibweise für Hyperlinks, da man auf ein ansprechendes Erscheinungsbild der generierten Seiten Wert legte (das erste Wiki-System, das stattdessen die sog. Free Links erlaubte, war das Common Lisp Wiki, die von der Wikipedia damals verwendete Software Usemod Wiki unterstützte dies optional).Als mit entscheidend für den Erfolg gilt die einige Zeit nach Projektstart neu entwickelte Software "Mediawiki". Weiterhin dürfte das gewählte Sujet, die Erstellung einer Enzyklopädie, mit ausschlaggebend gewesen sein: Wie in einem W. ist der Textkorpus stichwortbezogen organisiert, die einzelnen Einträge stellen (vom Kohärenzsaspekt abgesehen) in sich geschlossene Einzeltexte dar, die zielorientiert kollaborativ bearbeitbar sind.
Der Erfolg der Wikipedia führte ab etwa 2002/2003 zu einem zunehmenden Interesse auch der Wirtschaft an der Wissensorganisation mit Hilfe von W., die nun häufiger zur Unterstützung der Kommunikation innerhalb von Arbeitsgruppen oder als Content-Managementsystem für das Intranet genutzt werden. Ob, und wenn ja innerhalb welcher Anwendungsbereiche Hoffnungen auf eine Verbesserung der Wissensorganisation durch W. tatsächl. berechtigt sind, ist derzeit noch nicht absehbar.