Vorsokratiker, diejenigen griech. Denker und Philosophen des 8.-5. Jh. v. Chr., die vor den Sophisten und vor der klassischen griech. Philosophie mit Sokrates, Platon und Aristoteles hervorgetreten sind.
Die sich in dieser Zeit entwickelnde Philosophie der Antike war gekennzeichnet durch einen radikalen Wandel der mit dem Schlagwort »Vom Mythos zum Logos« bezeichnet wird. Bisher hatte der intuitiv denkende Mensch an die Götter geglaubt, war von den Göttern geleitet und hat zusammen mit diesen, wie sie in den Götter- und Heldensagen seit Homer und Hesiod aus dem 8. Jh. überliefert worden waren, gelebt. Jetzt machte sich ein rational analysierender Mensch auf den Weg, der sich selbst und die Welt denkend und diskutierend zu hinterfragen und zu erkennen begann. Es ist eine veränderte Fragestellung, die die Menschen von damals bewegte. Nicht mehr der Frage woher die Welt stammt (Kosmogonie), sondern woraus die Welt besteht (Kosmologie), galt von nun an die volle Aufmerksamkeit. Der Logos löste den Mythos ab. Der Nachlass der Vorsokratiker ist nur in Fragmenten vorhanden. Ein vollständiges Werk oder eine vollständig erhaltene Schrift dieser Denker hat sich nicht gefunden. Manche habe überhaupt nichts aufgeschrieben. Unser Wissen um die Vorsokratiker stützt sich auf Schriften nachfolgender Philosophen, die sich mit ihren Vorgängern auseinandersetzten. Eine reiche Quelle sind auch die zehn Bücher des Diogenes Laertios.
Die meisten Fragen bezüglich der Welt und des Menschen wurden bereits bei den Vorsokratikern gestellt und diskutiert. Die gleichen Problemkreise beschäftigen uns noch heute und letztgültige Antworten stehen auch nach 2500 Jahren zum Teil immer noch aus.
Das Zeitalter
Die Zeit, in der der griechische Geist unter allmählicher Loslösung von der überlieferten Religion und teilweise unter lebhafter Kritik an deren Vorstellungswelt mit dem Versuch begann, mit selbständigem, vernunftmäßigem Denken die Welt aus natürlichen Ursachen zu erklären, liegt um das Jahr 600 v. u.Z.
Im 6. Jh. waren die großartigen Kulturen der Ägypter, der Assyrer, der Babylonier und die der Kreter schon erstarrt oder vernichtet worden. Auch die Glanzzeit der Phönizier war schon lange zu Ende und die Griechen waren inzwischen ebenso tüchtige Seefahrer und gewiefte Händler geworden. Das Volk der Griechen, nunmehr Träger der weltgeschichtlichen Entwicklung, näherte sich langsam dem Höhepunkt seiner Geschichte, dem »Goldenen Zeitalter« des Perikles. Handel und Schiffahrt der Griechen erstreckten sich über die ganze mediterrane Welt. Rund um das Mittelmeer, bis zur Straße von Gibraltar im Westen und zum Schwarzen Meer im Osten, hatten griechische Kolonisten sich niedergelassen. In Spanien, Südfrankreich, Nordafrika, in Unteritalien und Sizilien sowie an der Westküste Kleinasiens bestanden griechische Städte.
Im Verein mit dem Wohlstand, den Seefahrt und Handel in diese Küstenstädte brachten, erwuchsen die Grundlagen einer allgemeinen Bildung. Die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen erweiterte auch den geistigen Horizont. Die Kaufleute und Seefahrer waren sicher die ersten Zweifler an überlieferten Lebensformen, Denkweisen und religiösen Vorstellungen ihrer jeweiligen Heimat. In der Berührung mit vielen aneinander stoßenden Glaubensbekenntnissen, die alle die Wahrheit zu vertreten vorgaben, konnte leicht der Zweifel an allen diesen Lehren sich breitmachen. Kennzeichen dieser Zeit ist auch der beginnende Übergang von der Adelsgesellschaft zu anderen politischen Formen. Es regte sich allenthalben philosophisches und wissenschaftliches Denken. Dies zuerst an der griechisch besiedelten kleinasiatischen Küste (Ionien), dann in Süditalien (Magna Graecia), und später erst im griechischen Mutterland, besonders in Athen. Gefördert wurde dies auch durch die Entwicklung der freien öffentlichen Rede.
Vom Mythos zum Logos
Trotz aller mythologischen Einkleidungen zeigt sich bereits die Naturphilosophie der Ionier als eine Aufklärungsphilosophie gegenüber den griechischen oder orientalischen Götterlehren. Selbst wenn bis zu Sokrates hin von Göttern die Rede ist, so dienen diese Bilder zur Verdeutlichung. Es wird von vornherein Kritik an diesen Göttersagen vernehmbar. An Stelle der Erklärung durch anthropomorphe Götter, wurden ab jetzt nach und nach natürliche, rationale Prinzipien gesucht die die Ordnung der Welt und die Stellung des Menschen in ihr deuten konnten. Die Idee, dass es für alles Seiende einen gemeinsamen Ursprung (arché) gibt, der als ein einheitlicher Urstoff der Vielheit der Dinge zugrunde liegt und als Ursache die erfahrbaren Veränderungen bewirkt, dieser Gedanke ist das tragende Element der damaligen Denkbemühungen. Die Philosophie scheidet sich sehr deutlich von der Mythologie, und die ersten Anfänge von Wissenschaft entstehen.
Zu den Vorsokratikern werden folgende Schulen und Gestalten gezählt:
Die milesischen Naturphilosophen
Die milesischen Naturphilosophen stammten aus der Stadt Milet an der Westküste Kleinasiens (heute Türkei) im früheren Ionien. Milet war in damaliger Zeit ein bedeutender Handelsplatz und Schmelztiegel der Kulturen. Thales und seine Schüler stellten sich die Frage nach dem Urstoff sowie nach der Struktur des Kosmos. Sie betrachteten den Urstoff als belebt und schrieben so der Materie eine in ihr liegende ursprüngliche Lebenskraft zu, die sich in den Erscheinungen der Natur offenbare (Hylozoismus). So sah Thales das Wasser, Anaximander das Apeiron, das Unbestimmte, Unendliche und Unbegrenzte und Anaximenes die Luft als den Ursprung der Weltentwicklung.
Die Pythagoreer
Die Pythagoreer versuchten ihre religiösen und philosophischen Gedanken in einer abgeschlossenen, sektenartigen Gemeinschaft umzusetzen. Sie pflegten Musik, Gymnastik, Heilkunde und wissenschaftliche Bildung (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Akustik als rationale Harmonielehre). Die Lehre und die Lebensweise des Pythagoras und seiner Schüler beinhaltet besonders die Deutung der Wirklichkeit aus einer unterstellten Bedeutung von Zahlen (Pythagoreismus). Dies führte auch zur Entdeckung einiger mathematischer Gesetze, z. B. Satz des Pythagoras bei rechtwinkligen Dreiecken: a²+b²=c². Neben der Zahlenmystik ist in der pythagoreischen Schule ein religiöser und mystischer Grundzug vorherrschend (Seelenwanderungslehre).
Die Eleaten
Die Eleaten stammen von der Westküste Italiens, südlich von Salerno, wo früher die Stadt Elea lag. Sie vertraten die Lehre von der Einheit und Unveränderlichkeit des Seienden und leugneten die Existenz der Vielheit, der Bewegung und des Werdens. Sie entwickelten die Begriffe des Seins und Nichtseins ("das Seiende ist, das Nichtseiende ist nicht"). Als Eleatismus bezeichnet man jede phil. Lehre, die von einem absoluten, nur durch das Denken zu erfassenden Sein ausgeht und ihm das Werden und die sichtbare Welt als Schein gegenüberstellt. Die Lehre der Eleaten hat am meisten auf Platon gewirkt, der mit ihr in der Annahme des ewig Seienden und in der Kritik des alleinigen Wahrheitsanspruchs der Sinneserkenntnis übereinstimmte.
Anaxagoras und seine Anhänger
Für Anaxagoras gibt es viele qualitative Grundstoffe. Jedes Ding wird durch ein charakteristisches Mischungsverhältnis dieser Stoffe bestimmt, die in jedem seiner auch beliebig kleiner Teile vorhanden sind (Zentrifuge). Bewegt werden die Stoffe durch den Nous (Geist), der planmäßig und ordnend vorgeht.
Die Atomisten
Die sog. Atomisten vertreten eine materialistische Weltanschauung, nach der die Welt aus Atomen (á-tomon, unteilbares), aus materiellen Körperchen und ihrer nach Naturgesetzen verlaufenden gegenseitigen Bewegungen (Druck und Stoß) und Verbindungen besteht. Selbst die Verstandestätigkeit des Menschen wird als atomarer, also materieller, Prozess interpretiert.
Ein gemeinsames Kennzeichen der Vorsokratiker ist ihr beinahe kindlicher Enthusiasmus bei der Suche nach der Wahrheit; den Begriff der Skepsis kannten sie noch nicht. Doch betonten sie gemeinsam – bis hin zu Platon – den grundlegenden Unterschied zwischen wirklichem Wissen, gesicherter Wahrheit (σαφής, saphés oder αλήθεια, alétheia) einerseits, die den Göttern vorbehalten bleibt, und Meinung (δοξα, doxa), über die die Sterblichen nicht hinauskommen können, d. h. eine Art Vermutung, die jedoch verbessert werden kann.
Literatur
- Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1990, ISBN 3-596-26562-2
- Russell, Bertrand: Philosophie des Abendlandes, Europaverlag 1999, ISBN 3-88059-965-3
- Laertios, Diogenes: Leben und Lehre der Philosophen, Reclam 1998, ISBN 3-15-009669-3
- Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Sonderausgabe J. B. Metzler 2004, ISBN 3-476-02012-6
- Der kleine Pauly: Lexikon der Antike, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag München 1979, ISBN 3-423-05963-X
- Kunzmann, P., Burkard, F.-P., Wiedemann, F.: dtv-Alas Philosophie, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag München 2003, ISBN 3-423-03229-4
Weblink
Presocratic Philosophy in der SEP




