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Strauss, Richard

Artikel #4360, »Strauss, Richard«, geschrieben von: B. Brockhorst (Red.) (99 %) et al.

Unter der Nationalsozialistischen Diktatur

Im Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 stand Strauss in seinem 69 Lebensjahr. Auf das Renommee des berühmten Komponisten wollten Hitler und sein Stab keinesfalls verzichten, konnte man mit diesem international geschätzten Musiker doch das eigene Image aufpolieren. Dementsprechend wurde Strauss umworben; man trug ihm das Amt des Präsidenten der neu eingerichteten Reichsmusikkammer an. Strauss nahm an. Dass er sich wohlmöglich anderes darunter vorgestellt hatte, als letztendlich die nationalsozialistischen Machthaber im Sinne hatten, zeigte seine Antrittsrede vom 13. Februar 1934, in welcher er seine Hoffnung auf eine Förderung und wirtschaftliche Verbesserung seiner zeitgenössischen Kollegen legte. Dass genau einige dieser zeitgenössischen Künstler wenige Jahre später als Schaffer "Entarteter Kunst" gebrandmarkt werden würden, sah er (wie viele andere) nicht vorher.

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Richtig trauen mochte die nationalsozialistische Führung dem eigenwilligen Komponisten nicht. Ein Dorn im Auge war ihnen vor allen Dingen, dass Strauss unbekümmert Kontakte zu dem jüdischen Schriftsteller Stefan Zweig pflegte. Diesen hatte er nämlich schon 1931 für ein Libretto zu einer neuen Strauss-Oper gewonnen: "Die schweigsame Frau". Strauss war von dem, was Zweig ihm lieferte, begeistert, schrieb ihm am 24. Januar 1933, er - Zweig - werde wohl nach Veröffentlichung der Oper, die ihm leicht von der Hand gehe, eine dreijährige Weltreise antreten müssen, weil er sich dann vor "Librettoverlangenden Collegen" nicht mehr werde retten können.

Der Uraufführung der "Schweigsamen Frau" am 24. Juni 1935 in Dresden waren im Vorfeld Gespräche zwischen Strauss und dem Propagandaminister Joseph Goebbels vorausgegangen; schließlich überließ man Hitler die Entscheidung, ob das Werk aufgeführt werden dürfe. Dieser gab der Aufführung statt. Goebbels versuchte durchzusetzen, dass der Name des jüdischen Librettisten Stefan Zweig aus Ankündigung und Programmheft verschwinde, aber ohne die Zustimmung des Komponisten ging das aber nicht und Strauss bestimmte, dass der Name Stefan Zweig bleibt. Hierauf wurde die Oper zwar gegeben, aber als Reinfall behandelt schon nach der dritten Aufführung war sie wieder abgesetzt. Zweig schrieb an Strauss, dass in diesem Fall sie (die Nationalsozialisten) ihn nicht treffen konnten, ohne zugleich den zu demontieren, den sie für ihr Prestige notwendig brauchten und benutzen wollten. Er selbst wollte dem zum Freund gewonnenen Komponisten nicht schaden und hatte noch vor der Dresdner Aufführung vorgeschlagen, zukünftig auf eine weitere Zusammenarbeit zu verzichten.

Der Brief an Stefan Zweig

Abbildung: ZweigStefan.jpg

Stefan Zweig

Der Brief, datiert auf den 17. Juni 1935, mit dem Strauss auf Zweigs Vorschlag, die Zusammenarbeit zu beenden reagierte, wirkt auf den ersten Blick irritierend, weil der Komponist darin mit den menschenverachtenden Sprachregelungen der Nationalsozialisten spielt. Mit ihm offenbart Strauss eine gehörige Portion Naivität in Bezug auf das, was im Deutschen Reich an Aktivitäten gegen die jüdische Bevölkerung zugange war:

"Ihr Brief vom 15. bringt mich zur Verzweiflung! Dieser jüdische Eigensinn! Da soll man nicht Antisemit werden! Dieser Rassenstolz, dieses Solidaritätsgefühl - da fühle sogar ich den Unterschied! Glauben Sie, dass ich jemals aus dem Gedanken, dass ich Germane (vielleicht, qui le sait) bin, bei irgendeiner Handlung mich habe leiten lassen? (...) Für mich gibt es nur zwei Kategorien Menschen; solche die Talent haben und solche die keins haben, und für mich existiert das Volk erst in dem Moment, wo es Publikum wird. Ob dasselbe aus Chinesen, Oberbayern, Neuseeländern oder Berlinern besteht, ist mir ganz gleichgültig, wenn die Leute nur den vollen Kassenpreis bezahlt haben. (...) Wer hat Ihnen denn gesagt, dass ich "politisch so weit" vorgetreten bin? Dass ich den Präsidenten der Reichsmusikkammer mime? Um Gutes zu tun und größeres Unglück zu verhüten. Einfach aus künstlerischem Pflichtbewusstsein! Unter jeder Regierung hätte ich dieses ärgerliche Ehrenamt angenommen, aber weder Kaiser Wilhelm noch Herr Rathenau haben es mir angeboten (...)

Seit wann die Geheime Staatspolizei Strauss' Briefe abfing, ist nicht bekannt, dieser Brief jedenfalls wurde an die nationalsozialistische Führung weitergereicht. Goebbels schickte ihm umgehend ein Schreiben mit einem vorformulierten Gesuch, mit welchem Strauss um Enthebung seines Amtes bittet. Am 13. Juli 1935 schrieb Strauss an Hitler mit der Bitte um ein Gespräch, um sich zu dem Vorfall persönlich zu äußern, doch das wurde nicht gewährt. Stattdessen stand im "Völkischen Beobachter" ohne sein Zutun die Meldung von seinem "Rücktritt", als Gründe waren das Alter und die angegriffene Gesundheit angegeben.

Folgezeit

Der Bitte, für die XI. Olympischen Sommerspiele 1936 die Olympische Hymne zu komponieren, kam Strauss gerne nach. Er persönlich dirigierte sie bei der Eröffnung am 1. August. Im gleichen gleichen Jahr reiste er mit der Dresdner Staatsoper nach London, dort wurde ihm die Goldene Medaille der Royal Philharmonic Society verliehen. Als der Krieg ausbrach, befand sich Strauss an der Arbeit zur Oper "Die Liebe der Danae". Am 29. Juni 1940 fertig gestellt beschied er, dass dieses Stück frühestens zwei Jahre nach Friedensschluss aufgeführt werden dürfe, weil hinsichtlich Ausstattung und Rollenbesetzung zu anspruchsvoll. Sein 80. Geburtstag sollte im August 1944 durch eine musikalische Aufführung gewürdigt werden, doch kam das Attentat auf Hitler am 20. Juli dazwischen, was die nationalsozialistische Leitung zum Anlass nahm, alle Festspiele zu untersagen. Die hierbei gemachte Ausnahme für die Salzburger Festspiele wurde Anfang August 1944 zurückgezogen. Für den Jubilar gab es karge Glückwünsche in den Presseorganen.

Wertungen zu Strauss' Rolle im Nationalsozialismus

Zu Strauss' Haltung zum Nationalsozialismus gibt es, außer dass es klar ist, dass er durch sein Amt als Präsident der Reichsmusikkammer in den Jahren 1933-35 Kontakte in die höchsten Ebenen der Reichsregierung hatte, nichts Erhellendes. Dafür finden sich online um so mehr kontroverse Auskünfte über das, was man ihm als Unterlassung (warum hat er nichts gegen die politischen Entwicklungen gesagt?) vorhalten könnte bzw. was sich evtl. zu seinen Gunsten in die Waagschale werfen ließe. Diese Wertungen zeichnen sich durchweg dadurch aus, dass immer, wenn es konkret werden soll, die Kritiker als "man", als "einige Stimmen" oder als "andere" bezeichnet werden. Es ist nicht einmal ersichtlich, ob diese "mans", "einige Stimmen" oder "anderen" möglicherweise erst retrospektiv ihre Bedenken erhoben haben.

Dass Strauss noch in seiner Zeit als Präsident der Reichsmusikkammer von Freunden aller Wahrscheinlichkeit nach darauf hingewiesen worden ist, dass er sich von den Nationalsozialisten benutzen lasse, lässt sich mittelbar dem oben erwähnten Brief von Stefan Zweig entnehmen. Der traut sich nämlich, dies dem von ihm sonst so bewunderten alten Meister vor Augen zu führen. Zumal Strauss darauf ohne Widerspruch, stattdessen mit einer trotzigen Bemerkung betreffend das "ärgerliche Ehrenamt" entgegnet.

Ansonsten liest man Kritik an Strauss in Klaus Manns Buch "Der Wendepunkt", in welchem er seine Begegnung mit dem Komponisten nach dem Krieg 1945 in Garmisch schildert und sich darin entsetzt über dessen Ignoranz in Bezug auf die Nationalsozialistische Diktatur zeigt. Es handelt sich um Gespräch, in das, nur partiell wörtlich wiedergegeben, zahlreiche Bewertungen Manns eingestreut sind. Ihm steht es aufgrund der Erfahrung seiner Familie und seiner höchstpersönlichen Erfahrung auch die Frage zu, ob der Komponist jemals erwogen hätte, "Nazi-Deutschland zu verlassen". Dass diese von Strauss nicht seinem Geschmack entsprechend beantwortet wird, darf von ihm verübelt werden - und wird von ihm verübelt. Die Kunst der Fragetechnik ist maßgeblich für die erzielten Ergebnisse.

Vielleicht gibt Strauss' Biographie den Leitfaden für sein Leben mit der Politik. 1864 geboren erlebte er als Kind die Gründung des Deutschen Reichs sowie als Mann die gesamte Kaiserzeit mit unzähligen Reichskanzlern sowie den Ersten Weltkrieg, das Chaos der Weimarer Republik (mit ebenfalls etlichen wechselnden Reichskanzlern), dann kamen die Nationalsozialisten (und schlussendlich hat er ja sogar die Gründung der Bundesrepublik Deutschland erlebt). Dass ihm das ganze politische Geschehen ziemlich egal war (und so scheint es, jedenfalls tritt er immer nur in Sachen Musik in Erscheinung), ist eine Meinung, die jedenfalls recht plausibel daherkommt. Es gibt (obwohl die Oper "Salome" mit dem "Tanz der sieben Schleiern" über die ganze Zeit politische Karikaturen herausforderte) nie Äußerungen von Strauss zu politischen Entwicklungen.

Was also sollte er als 70+jähriger, ausschließlicher Musiker nach den o.e. Vorhaltungen des vorgeworfenen Unterlassens wem gegenüber was kritisch thematisieren? Darüber schweigen sich die "mans", "einige Stimmen" und "andere" wohlweislich aus. Nur Klaus Mann kennt eine Antwort: Emigrieren zur rechten Zeit. Aber die ist bedauerlicherweise nicht nur subjektiv gefärbt sondern zudem auch noch eine retrospektive.

 

 

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