Nikolaus Oresme ( * vor 1330 in der Normandie; † 11. Juli 1382 in Lisieux; auch Nicolaus Oresmius, Nicolas, Nicholas, Nicole O.), französ. Bischof und einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler und Philosophen des 14. Jh.
1348 trat Nikolaus Oresme als Student der Theologie in das Kolleg von Navarra in Paris ein, acht Jahre später wurde er Leiter (grand-maitre) ebendieses Kollegs. In dieser Zeit kam er in Kontakt mit der königlichen Familie – er wird sogar als Erzieher des Dauphin, des späteren Königs Karl V. angesehen. 1361 wurde Oresme Archidiakon von Bayeux, 1362 Kanonikus in Rouen. In der Zeit von 1370 bis 1377 übersetzte er im Auftrags des Königs Schriften des Aristoteles aus dem Lateinischen ins Französische. Im Jahr 1377 wurde er zum Bischof von Lisieux gewählt, der er bis zu seinem Tod blieb.
Mit Wilhelm von Ockham und Johannes Buridan war Nikolaus Oresme einer der einflussreichsten Lehrer und Denker seiner Zeit. Neben seinen Aufgaben als Theologe und Berater des Königshauses fand er Zeit, sich für naturwissenschaftliche Probleme zu interessieren. Häufig wird er als Vorläufer der modernen Naturwissenschaften dargestellt; so habe er das heliozentrische System vor Kopernikus, das Fallgesetz vor Galilei oder die Analytische Geometrie vor Descartes entdeckt. Diese Sichtweise verkennt, dass Oresme noch zur traditionellen Scholastik zu rechnen ist, auch wenn er an manchen Behauptungen Aristoteles’ deutliche Kritik übt. Wegbereiter war er dennoch, da seine Überlegungen zu naturwissenschaftlichen Problemen manche neue Betrachtungsweisen enthalten. So besteht er im Gegensatz zur traditionellen Doktrin darauf, dass alternative Lösungen zumindest denkbar und diskutierbar sind. So etwa bei der Erddrehung: sowohl die geozentrische wie die heliozentrische Hypothese seien in naturwissenschaftlichen Erörterungen gleichermaßen plausibel, da die von Aristoteles vorgelegten Argumente für die geozentrische Variante nicht schlüssig seien (gleichwohl vertrat Oresme selbst nicht die heliozentrische Hypothese).
Ebenfalls neu ist seine Vorstellung, die Bewegungen der Planeten seien diesen nicht bei der Erschaffung der Welt durch Gott eingeprägt worden, sondern es gebe vielmehr ein Gleichgewicht der Kräfte und Widerstände. Dabei bewegte er sich jedoch völlig innerhalb der traditionellen Vorstellungen von »Intelligenzen als Bewegern« und von dem grundsätzlichen Unterschied zwischen der sublunaren und der himmlischen Welt.
Wegweisend war sein Versuch, mathematische Konzepte auf naturwissenschaftliche Erscheinungen anzuwenden. Dies wird besonders deutlich bei der erstmaligen Verwendung von Koordinaten, wenn qualitative Änderungen numerisch bestimmt werden sollen. So etwa bei der Frage, ob ein Liter heißes Wasser »wärmer« sei als fünf Liter lauwarmen Wassers. Oresme stellte beide Sachverhalte als zwei Rechtecke mit unterschiedlicher Abszisse (hier: Wassermenge) bzw. Ordinate (hier: Temperatur) dar und löst das Problem über einen Vergleich der Flächen. Dabei ist er jedoch nicht an konkreten Messungen bzw. Vergleichen interessiert, vielmehr am grundsätzlichen Lösungsweg. Es zeigt sich rasch, dass dieselbe Überlegung auch angewendet werden kann auf Fragen wie: Wie verhält sich die »Bewegung« einer langsamen, aber großen Masse zu der einer kleinen, schnellen Masse. Das heißt: auf alle Fragen, bei denen »intensive« Größen i.S. des Aristoteles eine Rolle spielen.
Auch seine Argumente zu volkswirtschaftlichen Fragestellungen (eigentlich zur Geldpolitik) wiesen neue Wege: er bestand darauf, das Recht der Münzprägung stehe nicht dem Souverän, sondern der Bevölkerung zu. Damit wandte er sich gegen die zunehmende Tendenz europäischer Herrscher, ihre Finanzprobleme durch Geldentwertung zu lösen. Sein Einfluss auf die Politik seines Landesvaters war unverkennbar.
Charakteristisch für Oresme ist seine Auffassung, dass natürliche Erscheinungen auf natürliche (und nicht auf überirdische) Ursachen zurückgeführt werden müssen – eine Auffassung, die sich in seinen Schriften gegen die Astrologie deutlich ausdrückt.In diesem Sinne ist Nikolaus Oresme nicht nur ein typischer Vertreter der Philosophie der Früh-Renaissance, sondern auch Wegbereiter u. a. für Cusanus, Kopernikus, Galilei oder Descartes.




