Malinowski, Bronisław Kaspar (* 7. April 1884 in Krakau; † 16. Mai 1942 in New Haven, Connecticut), britischer Ethnologe, Begründer des Funktionalismus. Grosser Einfluss seiner Theorien auf die angelsächsischen Sozialwissenschaften bis in die 1970er Jahre hinein.
Schüler von M. waren u. A. die Ethnologen Edward E. Evans Pritchard, Raymond Firth, Meyer Fortes und Edmund Leach.
Werk
Theoretischer Hintergrund: Funktion, Kultur
M. gilt neben Radcliffe-Brown als Erfinder des Funktionalismus. So muss sich für M. jede anthropologische Theorie auf biologische Tatsachen stützen, im Gegensatz zu den Positivisten extrapoliert er nicht nur, sondern definiert die Unterschiede zw. Menschen und Tierreich: <<|:Die Menschen sind zwar Tiere, aber Tiere, die nicht nur durch physiologische Triebe leben, sondern durch kulturelle Bedingungen modifiziert und vermindert werden:>> 1. Die menschl. Kultur sieht er als Instrumentarium des Menschen, das diesen in eine dem Tier höhergestellte Position verhilft, um sich der natürl. Umwelt besser anzupassen und seine Bedürfnisse zu befriedigen. Jedes soz. Phänomen hat, so M., eine ganz best. Funktion und dem Forscher obliege es herauszufinden, welche dies ist. Die Funktion wiederum definiert er als Antwort auf ein Bedürfnis. M. definiert 7 Grundbedürfnisse (in Klammer die kulturelle Antwort): Nahrung (-> Jagd, Kochkunst), Reproduktion (-> Heirat und Familie), Komfort (-> Heim und Kleidung), Sicherheit (-> Schutz und Verteidigung), Entspannung (-> Spiele, Freizeit), Bewegung (-> Sport, Kommunikationssystem, Transportsystem) und geistiges Wachstum (-> Übung und Lehre).
M. stellt die Kultur über das Individuum, d. h. er betrachtet eine Kultur als aus best. Elementen zusammengesetzte Einheit, deren Elemente eine best. Funktion für das Gesamte zu erfüllen haben. Damit stellt er sich diametral zu den bei seinen Zeitgenossen gängigen evolutionistischen und diffusionistischen Gesellschafts- u. Kulturtheorien, die postulierten, dass die Gesellschaft dem Individuum diene.
Methode
M. war einer der ersten Ethnologen, der die Feldforschung auf eine methodische Grundlage stellte. Er selbst war überzeugt von der teilnehmenden Beobachtung und wandte diese bei seiner wichtigsten Forschungsarbeiten bei den Trobriandern in Melanesien an.
Unter To grasp the Native´s Point of View versteht M., dass ein Forscher das Leben der Natives teilen sollte, um diese besser verstehen zu können. Eine Gesellschaft sollte M. zufolge von Innen heraus beschrieben werden (-> emische Sichtweise). Die Gefahr bei Einnahme der emischen Sichtweise ist der Verlust der für eine objektive Analyse nötigen Distanz, was M. von seinen Kritikern in Bezug auf seine Forschungen in Trobriand auch vorgeworfen wurde (-> Ethnozentrismus).
Kritik an Malinowski
M. war ein Kind seiner Zeit und seine Forschungsberichte sind dementsprechend eurozentrisch. Viele Bemerkungen in seinen privaten Tagebüchern über "die Wilden" gelten nach heutiger Ansicht als rassistisch.
In Bezug auf seine Feldforschungen wird ihm immer wieder vorgeworfen, er wäre seinen Informanten gegenüber zu wenig objektiv gewesen und hätte ihre Sicht der Dinge und ihre Erklärungen unkritisch übernommen.
Literatur
Primärliteratur
- Argonauten des westlichen Pazifik, 1922
- Der Vater in der primitiven Psychologie, 1927
- Geschlecht und Verdrängung in primitiven Kulturen
- Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien, 1929
- Eine Wissenschaftliche Theorie der Kultur, 1949
- Sitte und Verbrechen bei den Naturvölkern, 1949
- Die Dynamik des Kulturwandels, 1951
- Kultur und Freiheit, 1951
- Magie, Wissenschaft und Religion. Und andere Schriften.
Weblinks
1) ↑
- Eine wissenschaftl. Theorie d. Kultur, S. 73:




