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Kastrat

Artikel #11554, »Kastrat«, geschrieben von: B. Brockhorst(Red.) (100 %)

Kastrat, (aus dem ital.: castrare = verschneiden, entmannen), männlicher Sänger, der die Stimmlagen der Frauen (Alt, Sopran) mühelos bewältigte, weil ihm vor der Pubertät seine Hoden entfernt wurden, um den Stimmbruch zu unterbinden und um damit seine Knabenstimme bis ins Erwachsenenalter zu erhalten. Kastraten wurden in der frühen Kirchenmusik sowie in der Zeit des Barock auch in der Bühnenmusik eingesetzt, wo es hohe Partien zu singen galt. Der Einsatz von Kastraten in der päpstlichen Kapelle ist seit 1562 belegt.

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Abbildung: Carlo_Broschi.jpg

Der Kastrat Farinelli

Als Sänger hatte der Kastrat insbesondere im Barockzeitalter Hochkonjunktur. Indessen: Die Frauen-Stimmlagen bewältigte er zwar, die reine Knabenstimme ist ihm aufgrund seines Wachstums jedoch nie erhalten geblieben, auch konnte er Frauenstimmen nicht in ihrer charakterlichen Art intonieren. Der Kastrat hatte eine Kunststimme im wörtlichen Sinne: Sie war etwas ganz eigenes und sie verbreitete eine Faszination, die teilweise als "überirdisch" glorifiziert wurde, deshalb hatten Kastraten, wenn sie als Sänger Hervorragendes leisteten, eine außerordentliche Stellung: Ihnen wurden alle Annehmlichkeiten des vornehmen höfischen Lebens zuteil und sie genossen hohes Ansehen sowohl bei Hofe wie beim Publikum.

Was der gewaltsame Eingriff an menschlichen Tragödien hinterlassen hat, lässt sich wegen fehlender unmittelbarer Zeugnisse nicht in Gänze ermessen. Abgesehen davon, dass - hier den Vorgang der Kastration betreffend - bei Narkose und Schmerzbehandlung bis ins 19. Jhdt. doch einiges noch im Argen lag, waren Kastraten zeitlebens verstümmelt. Die Entfaltung einer männlichen Sexualität war ihnen genommen, stattdessen entwickelten sie, wegen der fehlenden männlichen Hormone, leicht Fettansatz und schlaffes Bindegewebe. Ob dies wirklich durch den unermesslichen Ruhm, den sie als Künstler erreichen konnten, aufgefangen wurde, darf als fraglich hingestellt sein. Die Zahl der Jungen, die in der Hoffnung auf eine glanzvolle Karriere kastriert wurden, deren Sangestalent aber hierfür nicht ausreichte, ist unbekannt.

Berühmte Kastraten des 18. Jhdts. sind Senesino, Farinelli, Caffarelli und Antonio Bernacchi. Bis ins 19. Jhdt. hinein wurden Partien für Kastraten geschrieben (und das trotz gewinnender Bühnenpräsenz von Frauen), eine unheilvolle Allianz von Nachfrage und Angebot. Dass die Kunststimme der Kastraten dann allmählich nicht mehr in Anspruch genommen wurde, hat wahrscheinlich Hand in Hand gehende Ursachen: Gesellschaftliche Ächtung des brutalen Verschneidens von Jünglingen, gleichzeitig eine zunehmende Bewunderung von Frauenstimmen auf der Bühne. Ersteres ist teils duch rigorose Verbote befördert worden - Frankreich verbannte nach der frz. Revolution die Kastratenrolle durch staatlichen Erlass von der Bühne. In Italien war man weniger zimperlich, der letzte bekannte Kastrat, Alessandro Moreschi, Sänger und schließlich Leiter des päpstlichen Chors, starb 1922 im Alter von 63 Jahren. Dank ihm gibt es die einzigen Tondokumente über die Stimme eines Kastraten.

Künstlerische Verarbeitung

Honoré de Balzac verfasste die Novelle "Sarrasine" über einen jungen Künstler, der die italienische Operndiva Zambinella für das Idol der Weiblichkeit hält – bis er herausfindet, dass es sich um einen Kastraten handelt. Erschienen ist das Werk 1830.

Helmut Krausser schrieb den Roman "Melodien" (1993) über den Kastraten Marc Antonio Pasqualini (1614 – 1691).

Gérard Corbiau machte einen Film über Farinelli, mit Stefano Dionisi in der Hauptrolle. In dem Film, der 1994 unter dem gleichlautenden Titel "Farinelli" in die Kinos kam, wird ein fiktiver, durchaus plausibler Abriss über das Leben des berühmten Kastraten gegeben. In Bezug auf die Frage, wie man dessen Stimme man am besten imitiert, fand man eine Lösung: Die Partien des Protagonisten wurden von einer Sopranistin und einem Countertenor getrennt eingesungen und das Ergebnis dann anschließend auf dem Tonmischpult gemixt.

Literatur

  • Hubert Ortkemper: Engel wider Willen. Die Welt der Kastraten. Eine andere Operngeschichte, dtv, München 1995
  • Richard Somerset-Ward: Angels & monsters: male and female sopranos in the story of opera, 1600 - 1900, Yale Univ. Press, 2004

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