Die Auseinandersetzung mit dem Geozentrischen Weltbild
Der Streit, welches der beiden Weltbilder das »richtige« sei, hat sich über mehr als zwei Jahrtausende hingezogen. Obwohl auch andere Astronomen die Idee des Heliozentrismus aufgriffen, konnten sie sich gegen das geozentrische Weltbild, das zudem mit der herrschenden Aristotelischen Philosophie im Einklang stand, über Jahrhunderte nicht durchsetzen.
Das hatte sicher vor allem philosophisch-religiöse Gründe: das von Sokrates/Platon/Aristoteles gezeichnete Bild der Einzigartigkeit der Erde und des Menschen im Mittelpunkt der Welt passte damit nur zu gut zusammen. Hildegard von Bingen etwa kommentierte: »Mitten im Weltenbau steht der Mensch…« Daneben steht im Mittelalter eine weitere Argumentationslinie: die Erde galt als minderwertig und verworfen (bei Dante ist die Hölle in ihrem Zentrum zu finden) und musste daher von dem himmlischen »Ersten Beweger« so weit wie möglich entfernt sein. Diesen stellte man sich außerhalb der Fixsternsphäre vor – in deren Mittelpunkt musste logischerweise die Erde stehen.
Auch hatte Ptolemäus mit seinen Epizykeln einen Korrekturmechanismus eingebaut, so dass sein Modell ausreichend genaue Berechnungen ermöglichte. Noch Kopernikus übertrug die Epizykeltheorie auf das Heliozentrische Weltbild, um die – fehlerhafte – Annahme der kreisrunden Bahnen auszugleichen. Damit waren immerhin Berechnungen gleicher Genauigkeit möglich.
Die Kirche sah das geozentrische Weltbild in Übereinstimmung mit der Bibel (»Gott begründet den Erdkreis unbeweglich…« [1. Chronik 16,30]), am wichtigsten die Stelle, in der Josua der Sonne befiehlt, stillzustehen [Jos. 10, 12]); das Reich Gottes wurde in dem Raum hinter dem Firmament, der Fixsternsphäre, angesiedelt. Da das Heliozentrische Weltbild auch die Vorstellung eines unendlichen Weltalls zulässt, konnte es als Infragestellung der Existenz Gottes gedeutet werden. Giordano Bruno, der aus dieser Überlegung heraus ein pantheistisches Gottesbild vertrat, wurde (auch) darum im Jahr 1600 als Ketzer verurteilt.
Während Martin Luther dem Weltbild des Kopernikus völlig ablehnend gegenüberstand, war die Haltung der katholischen Kirche zunächst zwiespältig. Dies änderte sich im Verlauf der Gegenreformation. Der Beschluss des Konzils von Trient, wonach die Bibelauslegung nicht Sache des Einzelnen, sondern der Kirche sei, erlaubte nicht, mit wissenschaftlichen Argumenten den Wortlaut des Alten Testamentes in Zweifel zu ziehen. Da nun die große Autorität Thomas von Aquin erklärt hatte, der Geozentriker Aristoteles habe den Kosmos richtig beschrieben, wollte kein Jesuit davon abweichen.
So hinterließ der »Fall Galileo Galilei« tiefe Verunsicherung in Europa. Wurde er doch 1616 vom Vatikan ermahnt, die Hypothese des Kopernikus nicht »als Tatsache« zu verbreiten; sie war kurz zuvor aufgrund eines vom Heiligen Offizium erarbeiteten Gutachtens als »absurd und ketzerisch« erklärt worden (als Hypothese durfte sie weiter diskutiert werden). 1633 wurde Galilei wegen seines Verstoßes gegen diese Ermahnung verurteilt.
Allerdings war es für das geozentrische Weltbild zu spät: nicht nur im Ausland, auch in Italien konnten die Stimmen nicht mehr zum Verstummen gebracht werden, die hinter Galilei und seiner Auffassung von Wissenschaft standen. Im Jahr 1728 stieß James Bradley auf eine scheinbare jährliche Bewegung der Fixsterne. Er nannte sie »Aberration« und interpretierte sie als Ergebnis der Bewegung der Erde um die Sonne. Am 11. September 1822 beschloss die Indexkongregation unter Pius VII., Schriften, die das Heliozentrische Weltbild als Realität behandelten, nicht mehr mit dem Interdikt zu belegen (dies wurde erst mit der nächsten Ausgabe des Index 1835 öffentlich bekannt).
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