Lebensdaten
Eugène Henri Paul Gauguin wurde als Sohn des republikanischen Redakteurs Clovis Gauguin und dessen Ehefrau Aline Marie Chazal in Paris geboren. Pauls Vater emigrierte 1849 mit seiner Familie nach Peru; auf der Überfahrt starb er. Die Mutter, sie war Peruanerin, blieb mit den Kindern bei Verwandten in Lima. 1855 kehrte Paul nach Frankreich zurück, lebte bei seinem Onkel Isidore in Orléans, und besuchte dort bis 1865 das Gymnasium. Seine Mutter betrieb in Paris einen Schneidersalon. 1865 verdingte sich Paul Gauguin als Schiffsjunge auf einer Schifffahrtslinie zwischen Le Havre und Rio de Janeiro. 1866 reiste er als Leutnant der Handelsmarine dreizehn Monate um die Welt. Im selben Jahr starb seine Mutter. 1868 trat Gauguin in die Kriegsmarine ein und tat als Matrose Dienst. Nach dem Krieg arbeitet Paul Gauguin von 1871–83 in Paris erfolgreich als Bankangestellter und Börsenmakler. Er lernte den Kollegen, damals auch Hobbymaler, Claude-Émile Schuffenecker kennen und freundete sich mit ihm an. Beide besuchten regelmäßig Gemäldeausstellungen und studierten die alten Meister im Louvre. Bei gemeinsamen Malstudien entstanden Gauguins erste Zeichnungen und Bilder.
1873 heiratete Paul Gauguin das dänische Kindermädchen Mette Sophie Gad, mit der er fünf Kinder hatte; Emile, Aline, Clovis, Jean René und Pola. Die Gauguins lebten in guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Für Gauguin, er hatte Glück mit Börsenspekulationen, öffneten sich die Türen zu den besseren Kreisen von Paris. 1874 besuchte er Paul Camille Pissarro und lernte weitere Impressionisten kennen, deren Bilder er sammelte. Nebenbei betrieb er Malstudien an der Academie Colarossi. In diesem Jahr wurde sein Sohn Emile geboren. 1876 stellte Gauguin erstmals im »Pariser Salon« aus (s. -> Sezession). Das zweite Kind, die Tochter Aline wurde geboren. Seit 1879, im Jahr der Geburt seines Sohnes Clovis, malte er im Sommer mit Pissarro und nahm bis 1886 an verschiedenen Impressionistenaustellungen und auch an Ausstellungen der »Unabhängigen« teil (unabhängig vom offiziellen Pariser Salon). 1880 mietete er ein Atelier und kaufte auch weiterhin Bilder an. Durch seine Banktätigkeit war Gauguin zu Wohlstand gelangt. 1881 malte er gemeinsam mit Pissarro und Cézanne. Für sein Bild »Die nähende Suzanne« erntete er positive Kritik. Geburt des Sohnes Jean René.
Gauguins Entscheidung für die Malerei
Im Zusammenhang mit dem Pariser Börsenkrach von 1882 verloren Gauguin und auch sein Freund Schuffenecker ihre gut bezahlen Stellungen. Schuffenecker wurde Zeichenlehrer, Gauguin brach 1883 mit seiner gesamten bürgerl. Vergangenheit. Er wollte Berufsmaler werden und entschied sich als Autodidakt, der er ja war, für die Malerei; die Pariser Kunstszene hatte er inzwischen sehr gut kennen gelernt. Mit Cézanne hatte er sich entzweit und malte nun im Sommer mit Pissarro. Mette, seine Frau, schenkte Paola dem fünften gemeinsamen Kind das Leben. 1884 übersiedelte die Familie nach Rouen in der Normandie, dann aus wirtschaftlichen Gründen zu Mettes Eltern nach Kopenhagen. Gauguin war in einer prekären Notlage und versuchte sich erfolglos als Vertreter einer frz. Textilfirma für Segeltuch. Eine Ausstellung seiner Bilder brachte auch keinen Erfolg. 1885 kam es zum Zerwürfnis mit seinen Schwiegereltern. Gauguin verließ seine Familie und kehrte mit Sohn Clovis, für den er als Künstler sorgen wollte, nach Paris zurück, während Mette mit den übrigen Kindern in Dänemark bei ihren Eltern blieb.
Pont-Aven und Le Pouldu
1886 arbeitete Gauguin u. a. als Plakatkleber und fristete sein Leben in Paris mehr schlecht als recht. Die Vaterrolle und die Verantwortung für seinen Sohn Clovis konnte oder wollte er nun doch nicht übernehmen und schickte ihn kurzerhand nach Kopenhagen zur Mutter zurück; er selbst zog nach Pont-Aven in die Bretagne. Hier fand er die gesuchte Muße und Ruhe und wurde bald die zentrale Figur eines Künstlerkreises der sich dort in der »Schule von Pont-Aven« zusammengefunden hatte. Auch die jungen Maler Emile Bernard und Paul Sérusier waren da und man lebte einfach und billig. Als Gauguin nach Paris zurückgekehrte, lernte er die Brüder Theo und Vincent van Gogh kennen und traf auch Edgar Degas. Neunzehn Werke konnte er in diesem Jahr im Salon der Impressionisten ausstellen; verkauft hat er keines. 1887, seine Frau Mette hatte ihn noch in Paris besucht, unternahm er eine Reise mit dem impressionist. Maler Charles Laval, einem Kollegen aus Pont-Aven, nach Panama und Martinique – es war die erste Begegnung eines neueren Künstlers mit der Kultur und dem Leben »primitiver« Völker. Gauguin reizte das Exotische und er hatte Sehnsucht nach einer von der Zivilisation unberührten Welt. Ernüchtert und enttäuscht kam er wieder zurück und zog in Paris zu seinem Freund Schuffenecker. Theo van Gogh hatte inzwischen einige seiner Bilder und Keramiken verkaufen können.
1888 verbrachte Gauguin von Februar bis Oktober in Pont-Aven und machte, nach eigener Aussage, in diesem Jahr künstlerisch die größten Fortschritte. Hier in der Provinz war er auf der Suche nach dem einfachen Leben und nach dem Primitiven fündig geworden. Er und seine Freunde entwickelten in dieser Zeit den Cloisonnismus und Synthetismus weiter. Gauguin stellte bei Theo van Gogh aus und hatte einen konfliktreichen Aufenthalt bei seinem Bruder Vincent im »Atelier des Südens« in Arles. Schon nach zwei Monaten kam es zwischen den beiden zum Bruch und Vincent verstümmelte in einem Anfall von Wahnsinn sein Ohr. 1889 kam Gauguin in Paris wieder bei seinem Freund Schuffenecker unter. Er stellte in Belgien bei den »Les XX« in Brüssel aus und Schuffenecker arrangierte für ihn eine Ausstellung im Café Volpini. Gauguin ging auch wieder nach Pont-Aven und dem nahe gelegenen Ort Le Pouldu und nahm Einfluss auf Paul Sérusier, Maurice Denis und Pierre Bonnard; eine Künstlergruppe, die später unter dem Namen Nabis auftrat. 1890 war Gauguin bis Anfang Juni in Paris und plante seine Auswanderung. Im Sommer hielt er sich wieder in Le Pouldu auf. In Paris schloss er Freundschaft mit dem Kreis der Symbolisten, der sich regelmäßig im Café Voltaire einfand. Wegen der Finanzierung seiner geplanten Südseereise wurde für ihn ein groß angelegter Bilderverkauf im Hôtel Drouot organisiert und Gauguin verkaufte 29 von 30 angebotenen Bildern. Ein geradezu elementares Unbehagen an der westlichen Zivilisation trieb ihn auf die Suche nach einer ursprünglichen Welt, wo er Reinheit, Aufrichtigkeit und Naivität wieder finden wollte. Gauguin war auf der Suche nach einer Alternative zur, seiner Auffassung nach, dekadenten europäische Kultur; er bezeichnete sich selbst immer als »Wilden« und betonte, dass er sein Glück nur in einem Naturzustand finden könnte, der, wie er sich einredete, in Polynesien noch zu finden war. Der zivilisierten Welt, von der er sich unverstanden fühlte, war er mehr und mehr überdrüssig geworden.
Erste Tahiti-Reise
Voller Selbstvertrauen aufgrund der erfolgreichen Verkaufsaktion seiner Bilder nahm Gauguin in Kopenhagen Abschied von Frau und Kindern. Nach dieser von ihm auf drei Jahre angelegten Mission in die Südsee hoffte er auf ein sorgenfreies Leben mit der Familie. In Paris, im Café Voltaire, feierte er noch mit einem großen Buffet Abschied von seinen Freunden und reiste, mit einem Empfehlungsschreiben der frz. Regierung in der Tasche, am 4. Apr. 1891 mit dem Nachtzug ab; am 28. Jun. traf er auf Tahiti ein.
Gauguin war auf der Suche nach dem einfachen Leben das seine Kunst inspirieren sollte; das erträumte Südseeparadies wie es auf der Pariser Weltausstellung 1889 inszeniert worden war, fand er in der frz. Kolonie jedoch nicht mehr vor. Jedenfalls war er trotz allem fest entschlossen in die fremde Kultur mit ihren Gebräuchen und Mythen einzutauchen und Land und Leute kennen zu lernen. Aus Papeete der Hauptstadt, die sich europäisch gab, zog er bald weg. Etwa 45 km entfernt, im Urwalddistrikt Mataeia richtete er für sich und Tehura oder Teha'amana, seine dreizehnjährige tahitische Geliebte, Köchin und Modell eine Hütte ein. Unter Palmen, im Rücken die Berge, vor sich das Meer, begann er inmitten der Farbigkeit der Natur das Leben der Insulaner, besonders das der Frauen beim Müßiggang, zu malen.
Gleichzeitig fing er auch mit der Niederschrift seiner autobiografische Erzählung »Noa Noa« an. Daneben setzte er sich in seinem bebilderten Manuskript »Ancien Culte Mahorie« mit den Sagen und Mythen der »Mahories«, wie die Eingeborenen genannt wurden, auseinander. Eine Quelle bezügl. der tahitischen Kultur und ihrer verschütteten Ursprünge war ihm dabei das 1837 erschienene Buch Voyages aux îles du Grand Océan des belgischen Geschäftsmannes Jacques-Antoine Moerenhout. Auch Tehura, seine Konkubine, wusste noch einiges zu erzählen. Die Geschichten um den Schöpfergott Ta'aroa oder die Mondgöttin Hina interessierten ihn besonders und Elemente daraus finden sich auch immer wieder in seinen Bildern. Gauguins originale Aufzeichnungen sind heute im Louvre aufbewahrt.
Auch auf Tahiti plagten Gauguin Geldsorgen; von den nach Paris geschickten Bildern konnte nur wenige verkauft werden. 1892 machten ihm zusätzlich Herzattacken zu schaffen und ein Jahr später, er hatte mit einer Augenerkrankung zu kämpfen, entschloss er sich vorzeitig in die Heimat zurückzukehren. Mit seinen über sechzig Südseebildern wollte er nun den künstlerischen Durchbruch schaffen. Das Empfehlungsschreiben für die Einreise vor zwei Jahren verschaffte ihm auch wieder eine einfache Fahrkarte für die Rückreise in die Heimat.
Zurück in Paris
Im September 1893 kam Gauguin wieder nach Paris. Die erste Zeit war er damit beschäftigt bei seinen Schuldnern Geld für die von seinem Agenten, dem Kritiker Charles Morice, verkauften Bilder einzutreiben bzw. die nicht verkauften Bilder bei Händlern wieder aufzufinden. In der Zwischenzeit hatte auch Mette seine Frau versucht, sich durch den Verkauf einiger seiner Bilder schadlos zu halten. von seinem Onkel Isidor hatte er 15000 Francs geerbt und kam darüber mit seiner Familie in Streit. Die Familie stellte berechtigte Ansprüche, Gauguin wollte in die Kunst investieren.
Zusammen mit Morice betrieb er die Herausgabe seiner Autobiografie »Noa Noa« und ergänzte sie mit zehn Holzschnitten. Erst 1987 sollte sie als Künstlertagebuch veröffentlicht werden. Der Impressionist Edgar Degas konnte seinen Galeristen Paul Durand-Ruel überreden, für das Œuvre Paul Gauguins eine Retrospektive zu veranstalten. Gauguin richtete sich ein neues Atelier ein und lud Freunde und Kaufinteressenten zu Zusammenkünften und Festen. Seine um dreizehn Jahre ältere javanische Freundin, die Mulattin Annah Martin, war immer in Begleitung eines kleinen Äffchens und beide passten zu dem exotischen Flair mit dem sich der weit gereiste Gauguin nun werbewirksam umgab.
Gauguin malte bretonische und weiter auch tahitische Südseemotive. In Brüssel stellte er erneut bei den »Les XX« aus. Mit Annah besuchte Gauguin von April bis Dezember 1894 auch wieder die Bretagne um zu malen. Seine Freunde waren nicht mehr da, waren verzogen und verstreut. Bei einem Ausflug wurde er in einen Streit und eine Schlägerei mit Seeleuten verwickelt. Dabei verletzte er sich so sehr am Knöchel, dass er sich im Krankenhaus behandeln lassen musste. Seine Freundin räumte ihm inzwischen, mit Ausnahme der Bilder, die Pariser Wohnung aus und verschwand.
Die Ausstellung bei Durand-Ruel wurde trotz großem Interesse kein Erfolg; von 46 Gemälden konnten nur 11 verkauft werden. Gauguin, der den Publikumsgeschmack mit seinen Tropenmotiven offensichtlich nicht getroffen hatte, war enttäuscht und entschlossen Europa nun endgültig zu verlassen. In Kopenhagen besuchte er zum Abschied ein letztes Mal seine Familie. Eine weitere Ausstellung 1895 im Pariser Hôtel Drouot, mit deren Verkaufserlös er seinen Ausstieg aus der zivilisierten Welt finanzieren wollte, wurde ein Misserfolg auf ganzer Linie; kein einziges Bild wurde verkauft. Still und im Zorn verließ er Paris und schiffte sich am 3. April 1895 zum zweiten Mal nach Tahiti ein.
Zweite Tahiti-Reise
Gauguin, der »Wilde« und Avantgardist wollte die gesellschaftliche Zwangsjacke abstreifen. In Opposition zu den verordneten und tradierten Normen und Leitbildern verschaffte er sich den Freiraum für sein schöpferisches Tun. Gleichzeitig sah er sich mehr und mehr verkannt, unverstanden und in der Rolle des Märtyrers; als einer der vom Pech verfolgt wird, Niederlage auf Niederlage erleiden muss, der Freunde und Familie verliert, sich statt dessen Feinde schafft, krank ist und immer tiefer sinkt.
Von der Hauptstadt Papeete zog er auch diesmal schnell wieder weg und baute sich 1896 im Landesinneren nach Art der Insulaner eine leichte Hütte. Tehura, seine frühere Geliebte hatte in der Zwischenzeit geheiratet. Er nahm ein neues Mädchen zu sich, die vierzehnjährige Pahura. Auch jetzt schickte Gauguin seine Bilder an den Agenten Daniel de Monfreid nach Paris. Große Hoffnungen auf einen Verkauf machte er sich nicht. 1897 erfuhr er, dass seine Tochter Aline gestorben ist. Mit Mette, seiner Frau, kam es zum endgültigen Bruch. Er ist deprimiert, ihn drückten auch wieder einmal Geldsorgen. Gauguin rafft sich auf und malt sein Menschheitsbild »Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?«. Körperlich ging es ihm nicht gut; der gebrochene Knöchel machte ihm wieder zu schaffen und eine Augenerkrankung kam hinzu. Seine Syphiliserkrankung die er sich noch kurz vor seiner Abreise in Paris zugezogen hatte und der Alkohol taten ein Übriges. 1898 fühlte er sich sehr elend und musste sich nach einem Selbsmordversuch einem Klinikaufenthalt unterziehen.
Nach seiner Erholung nahm er in Paofai Arbeit an und wartete auf Geld von seinem Freund und Agenten Monfreid. Gauguin gab 1899 zwei satirische Zeitschriften heraus und Pahura, seine Geliebte, brachte den gemeinsamen Sohn Emile zur Welt. Im nächsten Jahr starb in Kopenhagen sein Sohn Clovis. Aus Paris erreichte ihn 1900 auch eine erfreuliche Nachricht, auf die er schon sehr lange gehofft und gewartet hatte. Der Kunsthändler Ambrose Vollard hatte seine Bilder aufgekauft; er verpflichtete sich zur Abnahme auch der neuen Werke zu einem festgelegten Preis und garantierte Gauguin neben der Übernahme der Materialkosten auch eine zusätzliche jährliche Unterstützungszahlung.
1901 verkaufte Gauguin sein Haus und ließ sich auf der Marquesas-Insel Hiva Oa nieder. Mit seiner neuen Geliebten Marie-Rose Vaeoho bezog er in Atuona ein größeres, mit Hilfe von Einheimischen gebautes, hölzernes Atelierhaus das er »Haus des Genießens« nannte. Mit der katholischen Kirche und ihren Missionaren kam es darüber zu Streitigkeiten weil er auf Kirchengrund gebaut hatte. Die Streitigkeiten weiteten sich 1902 aus, man nahm allgemein Anstoß an seinem ungezügelten Lebenswandel, und Gauguin wurde von einem Gericht der Kolonialverwaltung unter fadenscheinigen Gründen wegen Steuerhinterziehung angeklagt und zu drei Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 1000 Francs verurteilt. Noch bevor er Berufung einlegen bzw. die Strafe antreten konnte, ist Paul Gauguin am 8. Mai 1903 im Alter von 54 Jahren gestorben.
In einem Brief von Monfreid, der ihn kurz zuvor erreicht hatte, hieß es:
»Sie sind zur Zeit der unerhörte, sagenhafte Künstler, der mitten aus dem Pazifischen Ozean heraus seine verwirrenden, aber unnachahmlichen Werke sendet, Schöpfungen eines großen Mannes sozusagen, der aus der Welt wie verschwunden ist. Sie genießen die Immunität des großen Toten, Sie sind in die Kunstgeschichte eingegangen«.
In »Silbermond und Kupfermünze« hat William Somerset Maugham den Lebensweg Paul Gauguins als Romanstoff verarbeitet.