Evidenzbasierte Medizin (Abk.: EbM, engl.: evidence-based medicine), gesundheitssystem. Ansatz, der den Schwerpunkt der ärztl. Behandlungsmethodik auf das Primat klinischer Studien und naturwiss. Evidenzkriterien setzt. Im Gegensatz dazu steht die tradition. ärztl. Praxis mit Schwerpunkt auf individ. Erfahrung, pathophysiolog. Erklärungsansätzen und der Autorität anerkannter Experten.
Definition nach Sackett: „die gewissenhafte, explizite und vernünftige Anwendung der besten medizinischen Informationen in der täglichen, klinischen Entscheidungsfindung.“1
Als Begründer der EbM gilt der brit. Epidemologe Archie Cochrane, dessen 1972 erschienenes Werk „Effectiveness and efficiency: random reflections on health services“ zu den Grundlagenwerken der EbM gehört.
EbM ist eine Säule modern. Versorgungsformen im Gesundheitswesen wie Managed Care, hier insbes. im Disease Management.
Begründung und Ansatzpunkt der EbM ist das Postulat, dass weite Teile medizin. Behandlungsmethoden kaum oder gar nicht wissenschaftl. gesichert sind, eine US-Studie kam zu dem Schluss, dass der Anteil der nach wissenschaftl. Kriterien wirksamen Methoden lediglich bei 10 bis 20% läge.2 Diese Extremwerte wurden später relativiert, neuere Studien haben Evidenzgrade bis 80% gezeigt. Ungeachtet dessen ist die Ergebnisqualität medizin. Interventionen in den tradierten Gesundheitssystem wie in Deutschland sehr groß. Ziel der EbM ist es, die Behandlungsqualität auf hohem Niveau mit geringem Schwankungsgrad zu stabilisieren und Therapieentscheidungen auf valide und reliable Grundlagen zu stützen. Des Weiteren wird von EBM-basierten Versorgungssystemen eine positive ökonomische Entwicklung – d. h. Kostensenkungen – erwartet.
Wichtiges Instrument der EbM ist die Entwicklung von Leitlinien, die den jeweils aktuellen Stand der Wissenschaft für definierte klinische Probleme bzw. Indikationen wiedergeben sollen. Die Leitlinien sollen den effizienten Einsatz von EbM sicherstellen, da sie den einzelnen Arzt von Rechercheaufwand entlasten.
Für die Gewichtung von Evidenz wurde ein fünfstufiges Modell entwickelt, welches publizierte Ansichten, die auf einer breiten Datenbasis mit wissenschaftl. Methoden basieren, höher gewichtet als Einzelmeinungen oder punktuelle Studien (siehe Tabelle).
Evidenzgrade | ||||||||||||
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Evidenzgrade nach Gewichtung (I – sehr hoch, V – sehr niedrig) |
Die EbM stellt einen Paradigmenwechsel in der medizin. Versorgung dar. Die ihr zugrunde liegenden Thesen schränken die Entscheidungsfreiheit des einzelnen Leistungserbringers ein, daher wird der Ansatz in der Ärzteschaft kritisch betrachtet. Neben standesrechtlichen Bedenken (Einschränkung der Behandlungsfreiheit) wird die Gefahr der sog. „Kochbuch-Medizin“, d. h. starrer Einsatz der Leitlinien bei Vernachlässigung der indiviuellen Aspekte des konkreten Behandlungsfalles, als hoch eingeschätzt.
Weitere Kritik zielt darauf ab, dass individuelle Aspekte – beispielsweise Komorbiditäten – bei Studien mit sehr großen Evaluations- und Kontrollgruppen statistisch geglättet werden, womit die generelle Aussagekraft solcher Studien gesenkt würde. Hinsichtlich der EbM zugrunde liegenden Studien wird auch auf die Gefahr falsch gesetzter Endpunkte hingewiesen. Studien mit fehlerhaften Surrogat-Markern (z. B. Ermittlung der Knochendichte statt Anzahl von Frakturen) sind ebenfalls nur begrenzt nutzbar.
Auch die wissenschaftl. Validität und Reliabilität als Voraussetzung für EbM-gerechte Behandlung wird angegriffen. So ist bei vielen Behandlungsformen, die nicht wissenschaftl. abgesichert sind, die Wirksamkeit unbestritten (beispielsweise Verhaltenstherapie bei Migräne).
Anmerkungen
1 nach Sacket, Richardson, Rosenberg, Haynes: Evidence-Based Medicine: How to Practice and Teach EBM, London, 1997
2 Untersuchung des Office of Technology Assessment des US-Kongresses, als PDF abrufbar unter http://govinfo.library.unt.edu/ota/Ota_1/DATA/1994/9414.PDF




