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Boethius

Artikel #8446, »Boethius«, geschrieben von: A Bickel (77 %) , J. Poseck (22 %) , Markus Schweiß (Red.) (0 %)

Boëthius, Anicius Manlius Torquatus Severinus (* um 480 in Rom, † um 524/26 in Pavia(?)), röm. Staatsmann und Philosoph. Er gilt als wichtigster Brückenbauer zwischen Antike und Christentum; man nannte ihn daher den letzten Römer und gleichzeitig ersten der Scholastiker.

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Boëthius entstammte der angesehenen röm. Familie der Anicii (sein Vater war Konsul gewesen). Nach dem frühen Tod des Vaters wurde er in der ebenfalls hoch angesehenen Familie der Symmachi – wie die Anicii seit Generationen christlich – erzogen und genoss eine vorzügliche Ausbildung. Er galt seinen Zeitgenossen als frühreif. Während seines Studiums begeisterte er sich für die artes liberales, bes. für die vier mathemat. Fächer (Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie), die er später als Quadrivium bezeichnete. Seine außergewöhnlich guten Griechischkenntnisse und seine deutlich erkennbare Neigung zu neuplatonischem Gedankengut ließen Historiker vermuten, dass er an der Akademie in Athen studiert hat. Sicher ist dies ebenso wenig wie seine weitere Karriere; gesichert sind lediglich das Konsulatsjahr 510 und sein Amtsantritt als »magister officiorum« 522. Das bedeutet, dass er unter dem ostgotischen König Theoderich eine steile Karriere machte. Die dort herrschenden Ostgoten bekannten sich zum Arianismus, der von der lokal maßgebenden Kirche strikt abgelehnt wurde. Um die Jahrhundertwende herum heiratete Boëthius Rusticiana, eine der Töchter seines Mentors Symmachus; sie gebar ihm zwei Söhne, die später gleichfalls Konsuln wurden. Spätestens nach seinem Jahr als Konsul (also 511) trat Theoderich mit Aufträgen an ihn heran, darunter die Bereinigung eines Münzskandals. Das Amt des magister officiorum, das ihm 522 übertragen wurde, war das eines Ministers, der dem Herrscher unmittelbar unterstand; faktisch war er der mächtigste Amtsträger im Reich der Ostgoten. Als nach dem Regierungsantritt des oström. Kaisers Justinus I. die Balance der Macht zwischen ostgotischem, arianischem Königtum, röm. Adel und dem wiedererstarkenden Interesse Konstantinopels an Westrom gestört wurde, befürchtete Theoderich wohl einen Angriff auf seine Machtbasis; er verdächtigte seine Untertanen (bes. die Römer), mit den (arianerfeindlichen) Oströmern zu konspirieren. Bald wurde Boëthius denunziert und verhaftet, unter nicht geklärten Umständen verurteilt und hingerichtet. Man ließ ihm keine Chance, sich zu rechtfertigen, und während der Senat in Rom noch so tat, als suche er Gerechtigkeit, lag Boëthius im Gefängnis und verfasste die Philosophiae consolatio (Trost der Philosophie). Sie sollte eine der meistgelesenen Schriften des gesamten Mittelalters werden.

Wirken

Am Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit standen wohl Übersetzungen aus dem Griechischen. Die kommentierten Übersetzungen der logischen Schriften des Aristoteles (unvollendet) und der Isagoge des Porphyrios (gleichfalls mit Kommentar) bildeten den terminologischen Grundstock für die Scholastik. Es kam eine Reihe eigener Abhandlungen hinzu: De Categoricis Syllogismis, Introductio ad Syllogismos Categoricos, De Divisione (Autorschaft zweifelhaft), und De Differentiis Topicis. Auch diese sollten später Methoden, Terminologie und Doktrinen der hochmittelalterlichen Philosophie ganz entscheidend beeinflussen. Geläufige philosophische Termini (u. a. principium, substantia, subiectum) gehen auf des Boëthius Übersetzungen ins Lateinische zurück. Erst durch die Übertragungen neu aufgetauchter aristotelischer Schriften durch Wilhelm von Moerbeke im 13. Jh. weitete sich der Gesichtskreis der abendländischen Denker über das durch Boëthius überlieferte Organon hinaus. Sein Werk De institutione musica vermittelte den mittelalterlichen Musiktheoretikern Reste der antiken griechischen (zahlenorientierten) Harmonik. Auch pythagoreische Fragmente rettete er über die Zeiten, darunter Philolaos.

Sein Hauptwerk schuf er in den Jahren der Haft: literarische Berühmtheit erlangte Boëthius mit seiner Tröstung der Philosophie. Das vom Neuplatonismus geprägte Werk im Stil antiker Autoren ließ eine Diskussion entstehen, ob er überhaupt jemals Christ war oder aber vom Glauben abgefallen. Das zur Begründung herangezogene Fehlen neutestamentlicher Bezüge rechtfertigt diese Annahme nicht. Vielleicht wurde er verfolgt, weil er kein Arianer war oder weil er mit diesen kooperierte, nicht aber, weil er Christ war. Die äußere Form der Consolatio ist die in der Spätantike beliebte Form des Prosimetrum: Prosatext mit eingeschobenen Verspartien. Sieht man von der stilistisch begründeten Beschränkung auf antike Vorlagen ab, so liegt inhaltlich ein klassischer Vertreter christlicher Ethik in antikem Gewande vor. Denn das spätantike Christentum hatte deutliche neuplatonische Bezüge enthalten, wie bereits bei Augustinus sichtbar wird. Man kann zwar als gesichert ansehen, dass Boëthius Christ war (zumindest nominell), doch stützt sich die Philosophiae Consolatio keineswegs auf christl. Verheißungen; vielmehr zieht sie ihren Trost und Optimismus ausschließlich aus dem Gedankengut der Neuplatoniker und dem Stoizismus Senecas. Es ist ein Dialog zwischen der Philosophie und dem Autor, mittels dessen die Königin der Wissenschaften dem gestürzten Staatsmann Trost zu verschaffen sucht. Ihr wesentliches Argument lautet: weltliche Größe ist vergänglich, ja gar nicht real, vielmehr sind es die Gegenstände des Geistes, nach denen wir streben sollen. So streift der Dialog die Existenz und die Natur Gottes, die Konzepte von Schicksal und Vorsehung, die Willensfreiheit und die Schöpfung.

Diese Schrift wurde von Christen im gesamten Mittelalter mit der größten Ehrerbietung gelesen, man stilisierte Boëthius gar vom Moralisten zum christl. Theologen. Dante griff in der Göttlichen Komödie eine bestehende lokale Überlieferung auf und stellte ihn als Märtyrer dar. Ob die dem Philosophen zugeschriebenen sonstigen theologischen Schriften tatsächlich von ihm stammen, war und ist Gegenstand langwährender Diskussionen.

Weblinks

 

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