"Heiligenstädter Testament"
- "Für meine Brüder Karl und ... Beethoven. O ihr Menschen die ihr mich für feindselig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wisst nicht die geheime urßache von dem; was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das Zarte Gefühl des wohlwollens, selbst große Handlungen Zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur dass seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige ärzte verschlimmert, von jahr zu jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines dauernden Übels (dessen Heilung vieleicht jahre dauern oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feuerigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch Zuweilen mich einmal über alles das hinaussetzen, o wie hart wurde ich durch die verdoppelte trauerige Erfahrung meines schlechten Gehörs dann Zurückgestoßen."
Beethoven spricht von der Demüthigung, die er erlitten hatte, ergänzt: "Geduld - so heist es, Sie muss ich nun zur führerin wählen, ich habe es - dauernd hoffe ich, soll mein Entschluss sejn, auszuharren, bis es den uerbittlichen parzen gefällt den Faden zu brechen (...). Der erste Teil seiner schriftlichen Erklärung endet mit einem: " O Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, dass ihr mir unrecht gethan."
Er setzt dann fort wie in einem wirklichen Testament an seine Brüder, (bei deren erneuter Anrede er allerdings den Namen seines Bruders Johann ein wiederholtes Mal durch drei Punkte ersetzt), an Fürst Lichnowsky und an seinen Arzt Julius Adolph Schmidt. Seinen Brüdern legt er die Ermahnung ans Herz, ihre Kinder zur Tugenhaftigkeit zu erziehen. Dann wieder kommt er auf seinen Zustand zu sprechen, beklagt, dass er noch nicht die Gelegenheit hatte, alle seine Kunst-Fähigkeiten zu entfalten und meint, wenn der Tod ihn jetzt ereile, würde er ihm muthig entgegentreten, findet aber, dass es noch zu früh sei zum Sterben.
Die Forschung geht davon aus, dass es sich bei diesem in Heiligenstadt abgefassten Dokument kaum um ein "Testament" im eigentlichen Sinne handelt. Es richtet sich auch weniger an seine Angehörigen und Freunde (warum er seinen jüngsten Bruder zweimal mit Punkten statt mit Namen benennt, ist bis heute nicht geklärt), als vielmehr an die Allgemeinheit (O ihr Menschen). Das Schreiben ist Erläuterung seines Verhaltens, das er selbst verurteilt, zugleich Bitte um Nachsicht und:
Das Heilgenstädter Testament ist keinesfalls ein Schlussstrich, sondern vielmehr Ankündigung eines Neuanfangs: Beethoven will seine musischen Fähigkeiten entfalten, egal was kommt und hat im Hinblick auf sein Gehörleiden, das er selbst als hoffnungslos einstuft, ein Mittel parat (Geduld). Keine Resignation, stattdessen Akzeptanz des Gehörleidens als persönliches Schicksal, von dem er sich aber nicht aufhalten lassen will. Dass er den Tod als unausweichlich begreift, zeigt seine Erwähnung der Parzen, aber das "Brechen" seines Lebensfadens durch diese Göttinnen sieht er offenbar in weiter Ferne. Und deshalb scheint er zu beschließen, das Fortschreiten der kontinuierlichen Verschlechterung seines Hörvermögens hinzunehmen.
Und so sind erstaunlicherweise aus den folgenden Jahren, über die sich das Leiden vom Ohrensausen bis zur endgültigen Ertaubung hinzog, keine weiteren Schriftstücke bekannt, in welchen Beethoven sich in dieser Weise über seine zunehmende Ertaubung beklagt hätte.
Das Nachlassen von Beethovens Hörfähigkeit dauerte somit schätzungsweise über anderthalb Jahrzehnte; 1813 trat er noch als Dirigent in der Uraufführung seines Tongemäldes "Wellingtons Sieg" auf, außerdem als Pianist im Rahmen der Aufführung seines Trios op. 97. (Das war allerdings sein letzter Auftritt als Pianist). Am ersten Weihnachtstag 1816 dirigierte er er im St. Marxer Bürgerspital eine Aufführung seiner 7. Sinfonie (in dem Jahr war er allerdings schon auf die für ihn von Johann Nepomuk Mälzer geschaffenen Hörrohre angewiesen.) Wie das Dirigat ohne Hilfsmittel gelaufen ist, ist nicht überliefert. Sein einstiger Klavierschüler Carl Czerny sagte, ab 1817 sei Beethoven erkennbar vollkommen taub gewesen . Ab 1818 wurden die Konversationshefte eingeführt - des Komponisten einzige Möglichkeit, mit seiner Umgebung zu kommunizieren.
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