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Böll, Heinrich

Artikel #5779, »Böll, Heinrich«, geschrieben von: G. Schütte (Red.) (99 %) et al.

Heinrich Böll (* 21. Dez. 1917 in Köln; † 16. Juli 1985 in Langenbroich, Gemeinde Kreuzau, Kreis Düren, Reg.Bez. Köln), einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg; gläubiger, aber antiklerikaler Katholik und aktiver Pazifist, der in seinem Leben und seinem Werk hohen moralischen Ansprüchen gerecht werden wollte. Ironie und Satire sind häufig gebrauchte Stilmittel in seinen Romanen und Kurzgeschichten, thematisch verarbeitet er zunächst die Kriegstraumata der Deutschen, prangert später die unvollständige Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die Macht der Boulevardpresse an. B. erhält den Nobelpreis für Literatur 1972.

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Abbildung: Heinrich_boell.jpg

Denkmal für Heinrich Böll, Prenzlauer Berg, Berlin

B. ist das sechste Kind des Schreinermeisters und Holzbildhauers Viktor Böll und seiner Frau Maria. Bölls Eltern sind religiös (sein Vater besucht täglich die Messe), aber kritisch gegenüber der Kirche. Sie nehmen die Bergpredigt ernst und weisen nie einen Bettler ab. Seine Mutter sagt im Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wird: Das bedeutet Krieg. 1937 legt ihr Sohn Heinrich das Abitur am Staatlichen Humanistischen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Köln ab. Er beginnt eine Lehre als Buchhändler, die er aber im selben Jahr wieder abbricht. Bis zum Beginn des Arbeitsdienstes im November 1938 schreibt und liest B. viel, hilft auch dem Vater in der Schreinerei. Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später , schreibt er über sich selbst.

Das Studium der Geschichte und klassischen Philologie, das B. im April 1939 beginnt, muss er im Herbst desselben Jahres schon wieder abbrechen, weil er zur Wehrmacht einberufen wird.Im Krieg ist B. in Polen, Ungarn, Russland, Frankreich und Deutschland stationiert, bis er im April 1945 in amerikanische und dann englische Kriegsgefangenschaft gerät. 1942 heiratet er im Heimaturlaub die Übersetzerin Annemarie Cech, aus der Ehe gehen 4 Kinder hervor: Christoph wird 1945 geboren und stirbt noch im selben Jahr, ihm folgen die drei Söhne Raimund (* 1947, † 1982), Rene (1948) und Vincent (1950). B. schreibt fast täglich Briefe an seine Eltern, Geschwister und an seine Freundin und spätere Frau. Er verachtet den Krieg von Anfang an, wird viermal verwundet, erkrankt an Ruhr, entfernt sich auch unerlaubt von der Truppe und fälscht Urlaubsscheine. Bei Kriegsende ist er Obergefreiter.

B. arbeitet als Hilfsarbeiter in der heimischen Schreinerei, seine Frau als Lehrerin. Die Erzählung Aus der Vorzeit erscheint als erste Veröffentlichung 1947 im Rheinischen Merkur, 1949 die erste Erzählung in Buchform : Der Zug war pünktlich im Middelhauve Verlag. B. kann von seinem Schrifstellerhonorar nicht leben, er versucht durch Hilfsarbeitertätigkeiten zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. 1950 erscheinen 25 Erzählungen als Sammelband unter dem Titel: Wanderer, kommst du nach Spa..., 1951 der erste Roman: Wo warst Du Adam?. Im Mai 1951 wird B. zu der von Hans Werner Richter geleiteten Gruppe 47 eingeladen und gewinnt dort einen Preis für seine Erzählung Die schwarzen Schafe.

1952 wechselt B. zum Verlag Kiepenheuer und Witsch. Er arbeitet für den Verlag nicht nur als Schriftsteller sondern auch als Lektor und - zusammen mit seiner Frau Annemarie - als Übersetzer. Kurz hintereinander erscheinen die Romane Und sagte kein einziges Wort (1953), Haus ohne Hüter (1954) und Das Brot der frühen Jahre (1955). Alle drei Romane beschäftigen sich mit den Folgen es Krieges, mit den schlechten Wohnverhältnissen, dem Schicksal der Familien ohne Väter, dem Hunger und der moralischen Neuorientierung.

1957 erscheint das Irische Tagebuch, das in Teilen seit 1954 abgedruckt wurde.

B. wendet sich gegen die Wahlhilfe der katholischen Kirche zugunsten der CDU/CSU, er fasst seine Haltung in dem Brief an einen jungen Katholiken (1958) zusammen.

Der Medienkritik widmet sich der 1958 erschiene Band Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren, in dem sich u. a. ein vom üblichen Geschwätz angeekelter Redakteur damit beschäftigt, Schweigen auf Tonbändern zu sammeln.

Billard um halb zehn heißt der 1959 erschienene Roman, der die unkritische Fortsetzung der deutschen Politik nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus kritisiert.

In den Die Ansichten eines Clowns, seinem 1963 veröffentlichten Roman, kritisiert B. wiederum die katholische Amtskirche. Die deutschen Bischöfe veröffentlichen einen Hirtenbrief, in dem Böll sowie seinen Schriftstellerkollegen Rolf Hochhuth und Carl Amery zersetzende Kritik vorgeworfen wird.

Einen starken autobiografischen Bezug hat die Erzählung Entfernung von der Truppe (1964). Die 1966 erschiene Satire Ende einer Dienstfahrt schildert eine Gerichtsverhandlung, in der die öffentliche Verbrennung eines Militärjeeps verhandelt wird.

B. engagiert sich zunehmend politisch, er unterstützt die Außerparlamentarische Opposition (APO) in ihrem Protest gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze und die marktbeherrschende Stellung des Springerverlags im Bereich der Boulevardpresse. Bei der Gründungsversammlung des Verbandes deutscher Schriftsteller 1969 fordert er eine bessere Entlohnung für die schreibende Zunft (Die Rede wird unter dem Titel Ende der Bescheidenheit veröffentlicht.) Im selben Jahr unterstützt er den Wahlkampf der SPD unter Willy Brandt und die neue Ostpolitik.

In dieser Zeit erlangt B. den höchsten Grad an Berühmtheit, was sich auch in seinen Auszeichnungen und Ämtern ausdrückt, wie z. B. dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache 1967, dem Vorsitz des PEN-Zentrums der Bundesrepublik 1970 und der Wahl zum Präsidenten des Internationalen PEN 1971. Als Krönung folgt 1972 der Nobelpreis für Literatur.

Ein Jahr zuvor (1971) war Bölls nach eigenem Bekunden wichtigster Roman Gruppenbild mit Dame erschienen. B. beschreibt die Geschichte einer Frau in Deutschland in der Zeit zwischen 1922 und 1970 in einem pseudodokumentarischen Stil, verarbeitet dabei sowohl fiktive als auch reale Dokumente.

Die 1974 erschienene Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann reflektiert Bölls Auseinandersetzung mit der deutschen Boulevardpresse. B. hatte in einem Spiegel - Artikel am 10. Jan. 1972 die Berichterstattung der Bild-Zeitung über die Terroristen um Andreas Baader und Ulrike Meinhof kritisiert. Sie sei von Hetze und Vorverurteilung gekennzeichnet. In einer monatelangen öffentlichen Auseinandersetzung wurde B. darauf hin selbst Unterstützung des Terrorismus vorgeworfen, im Rahmen einer Großfahndung sogar sein Haus durchsucht. Im Rahmen der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer lebt die Diffamierung Bölls und anderer deutscher Intellektueller noch einmal auf. 1979 verarbeitet B. in dem Roman Fürsorgliche Belagerung seine Erlebnisse mit den Auseinandersetzungen um die terroristischen Anschläge der 1970er Jahre.

Was soll aus dem Jungen bloß werden? Oder: Irgendwas mit Büchern. ist Bölls erster autobiografischer Text, beschäftigt sich mit seiner Jugend und erscheint 1981. Im selben Jahr nimmt B. als Redner und einer von 300.000 Teilnehmern an der Friedensdemonstration gegen den Nachrüstungsbeschluss der NATO in Bonn teil.

In den folgenden Jahren erscheinen eine Reihe unveröffentlichter Erzählungen aus der Nachkriegszeit (z. B. Das Vermächtnis) sowie Essays und Reden. 1984 erscheint im Lamuv-Verlag die kritische Biografie des Herausgebers der Bild-Zeitung und Pressesprechers der Bundesregierung unter Helmut Kohl, Peter Boenisch mit dem Titel Bild, Bonn, Boenisch.

Schon seit der Europawahl 1979 sympathisiert B. mit der neuen Partei Die Grünen, 1983 unterstützt er sie im Wahlkampf.

Bölls letzter Roman Frauen vor Flußlandschaft erscheint nach seinem Tode 1985. Er zeigt die Frauen der Bonner Politiker als menschliches Korrektiv der von Ränke und Intrigen bestimmten Männergesellschaft.

Quellen und Weblinks

 

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