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Aristoteles

Artikel #4093, »Aristoteles«, geschrieben von: A Bickel(Red.) (93 %) , Ulrich Fuchs (6 %) et al.

Grundzüge seiner Philosophie

Aristoteles markiert das Ende einer Generationen währenden Entwicklung philosophischen Denkens und war gleichzeitig Begründer einer neuen Tradition. Er führte die Denker seiner Zeit von den Höhen der platonischen Visionen in die fruchtbaren Niederungen der Erfahrungswissenschaft. Aus diesem Grund sah er die Philosophie weniger als eine einheitliche Wissenschaft, sondern gliederte sie in selbständige Einzeldisziplinen, denen allerdings die Metaphysik als Grundlagenwissenschaft vom Seienden übergeordnet ist.

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Einer der deutlichsten Unterschiede zu der Lehre Platons ist der Vorrang des Individuellen vor der Gattungsidee: nur das Einzelobjekt ist für Aristoteles „real“, nicht der Begriff; gleichwohl bekräftigte er, das Allgemeine (Begriff) sei das Objekt unserer Erkenntnis. Das zentrale Element der Lehre Aristoteles' ist seine Substanzlehre (ausgearbeitet in der Metaphysik), die sich hieraus ergibt: ein Begriff wird real nur dann, wenn er sich verkörpert, d. h. zur Form (zum gestaltenden Prinzip) einer Materie (eines formbaren Stoffs) wird. So sind an jedem realen Gegenstand Materie (hylē, ὕλη) und Form (morphē, μορφή) festzustellen, die sich auch nie trennen lassen.

Der Gestaltungsprozess geht vom Möglichen zum Wirklichen vor, von der Anlage zur Gestaltung zur fertigen Gestalt, oder – plastisch ausgedrückt – vom Embryo zum Huhn, vom Samenkorn zur Pflanze. Aristoteles ging folgerichtig davon aus, dass das Endergebnis im Formprinzip jeweils vorgegeben ist, die Gestaltung also immer einem Zweck (Entelecheia) folgt. Dabei unterschied er drei Ursachen des realen Gegenstandes: das zu Verwirklichende (der Begriff des Huhns, der Pflanze) macht hierbei die Zweckursache, die gestaltende Form (die „Seele“ des Huhns, der Pflanze) die wirkende und der von letzterer gestaltete Stoff (die organische Materie) die materiale Ursache aus.

Der Übergang vom Möglichen (Potential) zum Wirklichen erfolgt nach Aristoteles durch „Bewegung“. Diese benötigt ihrerseits eine Ursache; damit die Kette der Bewegungen nicht ins Unendliche geht, postulierte Aristoteles eine letzte (selbst unbewegte) Ursache: der »Erste Beweger«, der Quell- und Ausgangspunkt aller Bewegung und alles Lebens. Dieser Erste Beweger ist logisch zwingend immateriell, unveränderlich und ewig, er setzt als ein Ideal in Bewegung, dem die Materie als das der Gestaltung (Form) bedürftige zustrebt. Dieser (die stofflose Form) und die Materie (der formlose Stoff) stellen entgegengesetzte Endpunkte dar, sämtliche aus Form und Stoff bestehenden realen Dinge stehen zwischen diesen Polen. Je näher er dem Ersten Beweger ist, desto lebendiger ist ein Gegenstand: in der leblosen Natur (Steine) wird für Aristoteles das Wirken einer Seele noch nicht, in der lebendigen hingegen zuerst als bloß ernährendes (im Pflanzenreich), als empfindendes (im Tierreich) und zu beiden vorhergehenden Verrichtungen hinzukommend als denkendes Wirken im Menschen sichtbar.

Voraussetzung dieser drei Stufen sind die allgemeinen Bedingungen allen natürlichen Daseins: Zeit, Raum und Bewegung. Die Zeit ist unbegrenzt, der Raum aber begrenzt. Denn Aristoteles definierte den Raum als Grenze eines einschließenden Körpers; sollte er unbegrenzt sein, müsste es einen unendlich großen Körper geben – ein Widerspruch in sich selbst. Aus dieser Raumdefinition folgt auch, dass er nicht leer sein kann: für Aristoteles ist ein Vakuum daher gedanklich nicht möglich.

Die dritte Bedingung, die „Bewegung“, ist entweder quantitative Veränderung (Zu- oder Abnahme), oder qualitatives Anderswerden oder Bewegung im engeren Sinn (Ortsveränderung). Sie hat für Aristoteles weder Anfang noch Ende, jedes Entstehen aus dem Nichts ist ebenso unmöglich wie Vergehen ins Nichts. Konsequenterweise müssen Stoff und „Bewegung“ ebenso ewig (ungeschaffen und unvergänglich) sein wie der Erste Beweger. Auch sah A. den Kosmos (κοσμος = Schmuck, Ordnung) als ebenso einheitlich an wie es Gott ist, ein ineinander greifendes System von Gestaltungen.

In der Mitte des Weltalls sah Aristoteles die Erde, um die herum sich die Schale des Fixsternhimmels gleichmäßig bewegt; dazwischen laufen auf konzentrischen, jedoch schiefen Bahnen die sieben Sphären der Planeten (einschl. Sonne und Mond). Die Sternensphäre ist dem Ersten Beweger am nächsten, daher auch vollkommen (und unwandelbar), die Erde ist ihm am fernsten, daher auch der unvollkommenste (und besonders veränderliche) Teil des Alls. Die dazwischenliegenden Planeten nehmen eine Zwischenstufe ein: sie laufen zwar auf idealen Kreisbahnen, jedoch nicht so gleichförmig wie der Sternenhimmel, und sie beeinflussen mit ihren Schwankungen die vielfältigen Veränderungen auf der Erde. Der Mond hat in diesem System eine Sonderstellung: seine Sphäre trennt das Diesseits (die „sublunare“ Welt) vom Jenseits. Die Mischung von idealem und wandelbarem im Jenseits bewirkt im sublunaren Bereich eine entsprechende, jedoch weit größere Vielfalt an Erscheinungen („Phänomenen“), d. h. Gestaltungsformen und Entwicklungen; besonders der pflanzlichen, tierischen und menschlichen Natur.

Da diese organische Natur dem Ersten Beweger so fern steht, tritt im aristotelischen System ein eigenes, inneres Bedürfnis der Veränderung in Erscheinung: die Seele. Als Prinzip der Bewegung wird sie damit dem Ersten Beweger (relativ) ähnlich; sie tritt bei den Pflanzen als lediglich nährende Kraft auf, bei den Tieren als empfindende, begehrende und willkürliche Einheit in Erscheinung. Beim Menschen, den Aristoteles als vollkommenstes der Tiere ansah, kommt die denkende Seele (der Geist, griech.: nous, νους) hinzu, die nicht in der stofflichen Natur wurzelt, sondern von außen stammt und gottähnlich ist (der Philosoph, dessen denkende Seele lt. Aristoteles am stärksten entwickelt ist, ist der Gottheit am ähnlichsten). Auch beim Geist erfolgt der Übergang vom Potential zur Realität durch „Bewegung“; da diese sich nur im stofflichen Bereich abspielen kann, teilte Aristoteles den Geist in die potentielle (die Entwicklung duldende = nous pathetikos, νους παθετικος) und die anregende (nous poietikos, νους ποιετικος = tätige) Vernunft. Erstere ist – da entwicklungsfähig – stoffgebunden, letztere dagegen dem Geist des Ersten Bewegers ähnlich. Ähnlich, aber nicht gleich, da sie im Menschen noch mit dessen pflanzlicher und tierischer Seele verbunden ist.

Folglich ist für Aristoteles der Mensch weder ein rein sinnliches Wesen (wie das Tier) noch reine Vernunft (wie die Gottheit). Und wie der Samen die Pflanze, das Ei das Huhn in sich birgt, so enthält der Mensch die „Tugend“, die er verwirklichen soll, bereits als Potential in sich. Anregung für die entsprechende Entwicklung ist der Reiz von außen: wie bei der Pflanze der Nahrungsbedarf und beim Tier das Begehren, sind es für den Menschen das Beispiel und die Erziehung. Denn als „geselliges Tier“ trägt der Mensch die Anlage zur Gesellschaftsbildung in sich – Endzweck des tugendbegabten Menschen ist die Bildung einer vernunftgesteuerten Gemeinschaft: des Staates sittlich geläuterter Bürger in Form der griechischen Polis.

In der tugendhaften Tätigkeit der entwickelten Seele sah Aristoteles deren höchstes Gut, die Glückseligkeit; diese schließt allerdings materielle Güter (Vermögen, Gesundheit u.s.w.) nicht aus. Lust ist nicht Endzweck, sondern natürliche Folge derartiger Tätigkeit. „Natürlich“ ist für Aristoteles alles, was nicht extrem ist; Sparsamkeit etwa als Mittelweg zwischen Geiz und Verschwendung ist in seinem Sinne naturgemäß. Dem entspricht – anders als bei dem Aristokraten Platon – sein Politikideal einer Herrschaft des Mittelstandes.

Sein Hauptgedanke, der Gegensatz zwischen Potential und Verwirklichung, tritt in Aristoteles' Verfassungslehre ebenso deutlich auf wie in der Lehre von der Dichtkunst und in seiner Logik. In der Politik betonte Aristoteles die historischen, geografischen und ethnischen „Ursachen“ der Staatenbildung, in der Poetik die in der „Story“ und den Charakteren liegenden „Ursachen“ der dramatischen Handlung. In der Logik schließlich sind für Aristoteles in den Axiomen bzw. Prinzipien die Beweise keimartig bereits angelegt und werden durch das Schlussfolgern nur zur Entfaltung gebracht. Umgekehrt deuten die gezogenen Schlüsse auf einen (selbst nicht beweisbaren) Anfang allen Beweisens zurück – ebenso, wie jede Entwicklung (Gestaltwerdung) auf den ewigen und unveränderlichen Ersten Beweger zurückzuführen ist.

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