Anacharsis, ein in der griech. Literatur des Altertums mehrfach erwähnter, legendärer Skythe, der zu Solons Zeiten (um 600 v. Chr.) eine Bildungsreise durch Griechenland unternommen haben soll.
Herodot, der ihn als bekannte Persönlichkeit voraussetzt (Hist. IV 46; s.a. Platon Rep. X 600a), berichtet, dass A. nach seiner Rückkehr aus Griechenland von seinem königlichen Bruder Saulios mit einem Pfeil erschossen worden sei, weil er einen griech. Mysterienkult zelebriert habe (Hist. 4, 76). Diogenes Laertios schildert ihn als geistreichen und schlagfertigen Skythen, der in seiner rückständigen Heimat Opfer seines Philhellenismus geworden sei (I 101 ff). Er berichtet ferner von A.' Begegnung mit Solon und erwähnt Bildsäulen von ihm sowie zahlreiche ihm zugeschriebene Sinnsprüche; Ephoros von Kyme soll ihn zu den Sieben Weisen gerechnet haben (Diog. Laert. I 41). Auch andere Autoren (Aristot. Eth. Nicom. 1176b 33; Athen. X 437 f., 445 f.; Ael. var. hist. II 41) überliefern ihm zugeschriebene Sentenzen. Ferner kursierten im Altertum fiktive Briefe des A., die ihn als bedürfnislosen edlen Wilden und Muster kynischer Lebensart darstellen. Cicero zitiert einen dieser Briefe in seinen Tusculanen (V 90).
Name und Gestalt des A. wurden in der späteren Geistesgeschichte immer wieder zur Kennzeichnung eines vorurteilslosen, kritischen Zeitgenossen verwendet. Lukian setzte ihn als Sprecher in einem spöttischen Dialog ("Anacharsis") über das antike Sportwesen ein. Der Abbé und Gelehrte Jean-Jacques Barthélémy machte ihn zum Helden seines 1788 unter dem Titel Voyage du Jeune Anacharsis en Grece erschienenen großen Reiseromans, der das Griechenlandbild seiner Zeit entscheidend prägte. Hieran anknüpfend erschien 1845 der historische Roman Der Anacharsis des dreizehnten Jahrhunderts von Wilhelm Walter.
Inspiriert durch den Roman Barthélémys nahm der preußische Baron und begeisterte Anhänger der frz. Revolution Johann Baptist Cloots (1755–1794) den Namen "Anacharsis Cloots" an. Diesen wiederum erkor der Künstler Joseph Beuys zu seinem alter ego, was er durch die Verschmelzung ihrer beider Namen zu "JosephAnacharsis Clootsbeuys" unterstrich.
Ausgaben
- Manutius, Aldus: Epist. gr. vet., Venedig 1499 (editio princeps)
- Hercher, R.: Epistolographi Graeci, 1873, S. 102 ff.
- Reuters, Franz H.: Die Briefe des Anacharsis, Berlin 1963
Literatur
- Heinze, R.: Philologus 50 (1891), 458 ff.
- Hercher, R.: Zu griech. Prosaikern, Hermes 6 (1872), 55, 56 f.
- Schmid, W.: "Anacharsis" in: RE I (1893), 2017 f.
- Reuters, Franz H.: De Anacharsidis epistulis, Diss. Bonn 1957
- Kindstrand, J. F.: Anacharsis, the Legend and the Apophthegmata, Upsala 1981
- Ungefehr-Kortus, Claudia: Anacharsis, der Typus des edlen, weisen Barbaren, Frankfurt a. M. (Peter Lang) 1996




