Alkman (Ἀλκμάν), griech. Dichter und Musiker des 7. Jh. v. Chr.; einer der ältesten griech. Chorlyriker, von dem nennenswerte Fragmente erhalten sind, lebte in Sparta.
In der langen Friedenszeit nach dem ersten Messenischen Krieg (um 735–715 v. Chr.), als Sparta noch nicht die abgeschottete, kulturlose Militärdiktatur war, die Schiller in seiner Vorlesung über Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon (1790) als verwerfliches Beispiel verfehlter Staatskunst vor Augen hatte, sind zahlreiche Dichter und Musiker von der ionischen Küste, aus Lesbos und aus Kreta, nach Sparta gezogen und dort als angesehene Bürger sesshaft geworden. Einer der ersten bekannten Künstler, der sich in Sparta niederließ, war der Komponist Terpandros, der als Erfinder der siebensaitigen Kithara und Begründer der griechischen Tonkunst in die Musikgeschichte eingegangen ist. Terpander hat den kunstvollen Chorgesang in dorischer Tonart und dorischer Sprache in Sparta etabliert. Das dorische Griechisch blieb nach ihm für alle Zeiten die geltende Sprachnorm des griechischen Chorgesangs, selbst in den attischen Tragödien. Terpander und Thaletas aus Kreta waren es wohl auch, die das spartanische Schul- und Musikleben des 7. Jh. durch die Einführung neuer Instrumente und kunstvoller Kompositionstechniken zur Blüte brachten. Alkman folgte ihnen nach. Er war als Textdichter und Komponist für die Herstellung neuer Chorlieder (Kantaten) zuständig, die in den Schulen, bei Wettbewerben (Gymnopedien), bei Volksfesten und kultischen Feiern gesungen und getanzt wurden. Daneben hat er auch Kunstlieder für Einzelstimmen geschaffen. Alkman starb als alter Mann hochangesehen in Sparta und erhielt dort, wie Pausanias berichtet, ein Ehrengrab in der Nähe des Helena-Heiligtums. Ein Beispiel für den Wohlklang seiner rhythmisch anspruchsvollen Melodien, die er nach eigenem Zeugnis dem Gesang der Vögel abgelauscht hat und die ihm in Sparta den Beinamen »der Liebliche« (glykos) eintrugen haben, ist das folgende Altersgedicht (fr. 26 P; Übersetzung von Emanuel Geibel:
Nimmer, ihr Mädchen im Chor, mit den süßen, den silbernen Stimmen, tragen die Glieder mich fort. O daß ich zu Kerylos würde, der auf dem blühenden Schaume der See mit dem Weibchen dahinfliegt, gücklicher Reise gewiß, meerpurpurner Vogel des Frühlings!
Alkmans Ruhm reichte über Sparta hinaus. Die alexandrinischen Philologen des 3. Jh. v. Chr. nahmen ihn als den ersten und ältesten Lieddichter in ihren Kanon der neun klassischen Lyriker auf (neben Stesichoros, Ibykos, Simonides, Bakchylides, Pindar, Alkaios, Sappho und Anakreon). Die von ihnen zusammengestellte Sammlung seiner Werke umfasste 6 Bücher. Die beiden ersten Bücher enthielten Gesänge für Mädchenchöre, für deren kunstvolle und anmutige Einrichtung er besonders berühmt war. In nachhellenistischer Zeit ist sein Werk verloren gegangen. In der Neuzeit waren nur noch wenige Verse in etwa 150 Fragmenten, meist Zitate aus Schriften hellenistischer Schriftsteller bekannt.
Im Jahr 1855 entdeckte der französische Ägyptologe Mariette in einem Grab in Saqqara unter anderen Schriften ein größeres Papyrusfragment mit 66 lesbaren Versen eines alkmanischen Partheneions, eines Liedes für ein oder zwei Mädchenchöre. Der Papyrus befindet sich heute im Musée du Louvre. In diesen Versen zeigt sich Alkman, wie schon in den bisher bekannten Fragmenten,als liebenswürdiger Chorführer, der seinen jungen Sängerinnen ausgiebig Gelegenheit gibt, nicht nur die Göttin (wahrscheinlich Artemis Orthia) zu feiern, der sie in nächtlicher Feier ein Festgewand überbringen, sondern auch sich selbst zu preisen und darzustellen.
Ein schon länger bekanntes Zeugnis für die Zartheit alkmanischer Poesie und das fast romantische Naturgefühl des Dichters ist das folgende Liedfragment (fr. 89 P; Übersetzung von Emanuel Geibel):
Über den Gipfeln ist Ruh, es schlummern Berge und Schluchten, Klippen und laubiger Abgrund, alle atmenden Wesen, daheim auf der dunklen Erde, Wild der waldigen Höhen, der Bienen brausende Schwärme, Wundergetier des Meeres in der purpurnen Tiefe, und mit gefaltenen Flügeln jetzt auch die Vögel.
Der erhaltene Text ist als Zitat in dem Homerlexikon des alexandrinischen Gelehrten Apollonios Sophistes überliefert. Er erschien in gedruckter Form erstmals in einer Apollonios-Edition des französischen Altphilologen Jean-Baptiste Gaspard d'Ansse Villoisson, der 1783 als Gast des Herzogs am Hof in Weimar weilte. Goethe, der für alles Homerische stets das größte Interesse hatte und mühelos griechische Verse lesen konnte, mag sich der Stimmung dieses Alkman-Liedes erinnert haben, als er 1790 sein bekanntes Nachtlied »Über allen Gipfeln ist Ruh« schrieb.
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